Jocky Wilson – Der zahnlose Weltmeister, der verschwand

Shownotes

Jocky Wilson (1950–2012) war der erste Schotte, der Dart-Weltmeister wurde und einer der unwahrscheinlichsten Champions, die dieser Sport je gesehen hat. Diese Folge erzählt, wie aus einem Heimkind und Bergmann ein zweifacher Weltmeister wurde und warum er sich am Ende der Welt entzog.

Ihr habt noch Fragen zu Jocky Wilson, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über ihn, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram: Ich lese alles und antworte.

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+++Quellen & zum Weiterlesen+++ Wikipedia: Jocky Wilson sowie 1982 und 1989 BDO World Darts Championship The Scotsman: Nachruf auf Jocky Wilson & „Jocky Wilson – the final interview" Patrick Chaplin: „Jocky Wilson – Scotland's First World Champion" (patrickchaplin.com) The Irish Times (2023): „The meteoric rise and sad fall of lovable darts legend Jocky Wilson" Video-Dokumentationen: u. a. Sky „Dart Kings – Jocky Wilson" sowie „Kirkcaldy Man – Documentary"

Impressum

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00:00:00: Stefan: Wir befinden uns in Kirkcaldy, Schottland. Ende der 90er. Eine Sozialwohnung am Thornhill Drive. Eine Tür wie tausend andere in dieser Straße. Es klopft.

00:00:11: Stefan: Drinnen bewegt sich jemand, aber die Tür geht nicht auf. Stattdessen hebt sich die Klappe am Briefkasten und durch den kleinen Spalt schauen zwei Augen. Eine Stimme sagt: "Geht wieder weg." Die Klappe fällt zu. Der Mann hinter dieser Tür ist zweifacher Weltmeister. Der erste Schotte, der die Dart-WM je gewonnen hat. Es gab Jahre, da kannte ihn in diesem Land jeder. Sein Gesicht lief im Fernsehen, sein Name fiel im Pubs von Aberdeen bis London. Jetzt lebt er von Sozialleistungen, ein paar Meilen von dem Kinderheim entfernt, in dem er aufgewachsen ist. Keine Interviews, keine Autogramme. Nur diese eine Klappe, die sich hebt und wieder fällt. Ich will in dieser Folge nicht fragen, wie tief ein Mensch fallen kann. Ich will wissen, was dieser Mann da drin gesehen hat, als er durch den Schlitz nach draußen schaute und warum er die Tür geschlossen hielt. Willkommen bei "Das Leben ist eine Scheibe", der Podcast über die Menschen hinter dem Oche. Ich bin Stefan und heute sprechen wir über Jocky Wilson.

00:01:17: *Rockmusik*

00:01:38: Stefan: Werfen wir zunächst mal einen Blick auf seine Wurzeln.

00:01:41: Stefan: John Thomas Wilson kommt am 22. März 1950 in Kirkcaldy zur Welt. Schottische Ostküste. Eine Stadt gebaut auf zwei Dingen: Kohle und Linoleum. Unter den Straßen die Gruben, über den Dächern der Geruch der Fabriken. Wer hier geboren wird, kennt seine Zukunft, bevor er laufen kann. Unter Tage, in die Fabrik oder raus aufs Wasser. Über Jockys Kindheit erzählt man sich bis heute eine Geschichte, die falsch ist. Er sei Vollweise gewesen, hieß es. Elternlos. Das stimmt nicht. Seine Eltern lebten, aber sie hatten sich getrennt und die Familie galt irgendwie als überfordert. Also kam John mit seinem jüngeren Bruder ins Kinderheim.

00:02:23: Stefan: Er hat später großen Wert drauf gelegt, äh, das klarzustellen. Nicht, weil er irgendwie ein böser Junge gewesen wäre, es war einfach so. Zu Hause konnte niemand mehr für ihn sorgen. Punkt.

00:02:34: Stefan: Sid Waddell, der große Kommentator, der ihn später sein halbes Leben begleiten sollte, hat einmal gesagt, dass genau dort alles begann.

00:02:43: Stefan: Dass die Entschlossenheit dieses Mannes in dem wurzelte, was ihm als Kind gefehlt hatte. Mit 15 verlässt Jocky die Schule. Nicht für einen Traum, sondern für einen Lohnzettel. In Kirkcaldy war das keine Entscheidung. Das war die Reihenfolge der Dinge. Dann arbeitet er ab, was die Stadt hergibt. Bergmann, Fischverarbeitung mit den Armen bis zu den Ellbogen im Eis, bisschen aufm Bau und ein paar Jahre in der British Army. Nichts davon deutet irgendwie auf einen Weltmeister hin. Kein früh entdecktes Talent, kein Förderer, keine Bühne. 1968 mit 18 heiratete er seine Jugendliebe. Sie hieß Malvina.

00:03:24: Stefan: Und die Darts? Die Darts kommen nicht über Ehrgeiz in sein Leben. Es kommt über eine Lücke im Spielplan. Die Lister Bar in Kirkcaldy hat ein Team und eines Abends fehlten Leute. Der Kapitän Jimmy Scullin braucht einen achten Mann und nimmt den, der gerade an der Theke steht. Jocky macht die Zahl voll, mehr nicht. Man muss verstehen, was Darts in so einer Stadt war. Fast jeder Pub hatte sein Team. Es gab Ligen, Super-League-Abende, Arbeiter gegen Arbeiter, Woche für Woche. Es hieß damals, Darts sei der einzige Sport, der einen Mann direkt von der Theke zum nationalen Champion machen konnte. Ohne Verein, ohne Herkunft, ohne Geld. Für Leute, denen sonst die Tür verschlossen blieb.

00:04:10: Stefan: Der Lückenfüller aus der Lister Bar wird sich als der Beste herausstellen, den Schottland je hervorbringt.

00:04:16: Stefan: Aber erst mal passiert nichts. Jahre vergehen. Jocky ist Ende zwanzig, ohne festen Job, ohne Aussichten. Ein Mann mit Familie und leeren Taschen in der Stadt, die selbst leere Taschen hat.

00:04:30: *Rockmusik*

00:04:30: Stefan: Schauen wir uns jetzt seine unglaubliche Karriere an.

00:04:34: Stefan: 1979. Jocky Wilson ist arbeitslos. Er tritt bei einem Dartsturnier an und gewinnt fünfhundert Pfund.

00:04:41: Stefan: Für einen Mann ohne Arbeit in Kirkcaldy 1979 mehr, als er mit Kohle schleppen in Wochen verdient hätte. Und zum ersten Mal denkt Jocky einen Gedanken: "Vielleicht kann ich davon leben."

00:04:53: Stefan: Er wird Profi mit 29, in einem Alter, in dem andere Sportler

00:04:59: Stefan: in anderen Sportarten vielleicht schon ihre Abschiedstour planen. Dass er den Schritt überhaupt wagt, liegt an einem Mann, der auf den ersten Blick sein komplettes Gegenteil ist. Bobby George,

00:05:10: Stefan: der glamouröse Spieler dieses Sports, der mit Umhang und Kerzenleuchter zur Bühne einläuft.

00:05:17: Stefan: Bobby sieht diesen betrunkenen, mürrischen Schotten werfen und erkennt etwas, das der Schotte selbst noch nicht sieht. Er redet auf ihn ein, bis Jocky unterschreibt.

00:05:27: Stefan: Und jetzt muss ich als Spieler kurz übernehmen, denn wir müssen über diesen Wurf reden von Jocky Wilson. Alles an Jocky Wilsons Wurf war irgendwie falsch. Ruckartig, abgehakt. Kommentatoren oder Kenner nannten es the snatch, das Zupacken. Es sah aus, als wirft er einfach nur zwei Darts komplett normal und dem dritten, dem springt er komplett hinterher. Er war Rechtshänder und zielte mit dem linken Auge. Also nach jedem Lehrbuch durfte es eigentlich gar nicht funktionieren

00:06:01: Stefan: Aber hier ist das Geheimnis, ähm, das Außenstehende nie glauben. Im Dart gibt's kein richtiges Bewegungsmuster.

00:06:09: Stefan: Es gibt eigentlich nur ein wahres Kriterium. Ist denn diese Bewegung überhaupt reproduzierbar?

00:06:15: Stefan: Machst du tausendmal exakt dasselbe, dann darf es aussehen, wie es will. Ich selbst hab jetzt vielleicht auch nicht grad so den allerschönsten Wurf, der irgendwie einen Schönheitspreis gewinnen würde,

00:06:27: Stefan: aber am Ende fragt das Board nicht, wie dein Wurf aussah. Das Board fragt nur, wo der Dart steckte.

00:06:33: Stefan: Und Jockys Darts steckten schneller als der Fernseher gucken konnte. Wortwörtlich.

00:06:39: Stefan: Sid Waddell hat mal erzählt, wie es in der ComBox zuging. Das Board da musste raten, auf welche Zahl Jocky zielt, weil die Darts schon im Board waren, bevor irgendjemand reagieren konnte. Sie starren auf Jockys Augen, um zu erahnen, wohin er wirft.

00:06:53: Stefan: Vielleicht war der komische Wurf sein Talent, aber es gibt die zweite Hälfte der Wahrheit und die erzählt eigentlich kaum jemand. Früher in seiner Laufbahn wird Jocky in einem Match regelrecht vorgeführt, richtig abgefertigt. Er hat sich geschämt und er schwört sich, dass ihm das nie wieder passiert.

00:07:09: Stefan: Danach hat er sich ans Board gestellt, Tag und Nacht. An einem alten Board, Aufnahme für Aufnahme, bis die Bewegung sitzt. Ein Weggefährte aus diesen Jahren sagte später mal, kein brillanter Spieler, aber so diszipliniert wie kein Zweiter.

00:07:25: Stefan: Und dann kam noch dein Gesicht dazu. Also Jocky hatte sich nie im Leben die Zähne geputzt und war mit achtundzwanzig zahnlos. Komplett. Dieses breite, offene Lachen ohne einen einzigen Zahn.

00:07:37: Stefan: Damals wurde es zu seinem Markenzeichen und keiner lachte lauter darüber als er selbst.

00:07:42: Stefan: 1982 fand die BDO Weltmeisterschaft im Embassy in Jollees Cabaret Club in Stoke-on-Trent statt.

00:07:51: Stefan: Muss man sich auch mal überlegen, eine Weltmeisterschaft in einem Nachtclub. Verraucht, Bier auf den Tischen, das Publikum gefühlt eine Armlänge entfernt vom Board. So sah der Gipfel damals dieses Sports aus.

00:08:03: Stefan: Im Finale trifft er auf John Lowe und Lowe ist alles, was Jocky irgendwie nicht ist. Er ist ruhig, er ist unerschütterlich. Die reinste Wurfbewegung des Sports. Ein Mann, der keine Regung zeigt und für einen wie Jocky, der jede Emotion nach außen trägt, ist so ein Gegner ein Albtraum. Du weißt nie wirklich, ob du ihn gerade zermürbst oder er dich. Und Jocky ist am Abend vor dem Finale ein Nervenbündel. Bobby George nimmt ihn noch mal zur Seite und gibt ihm eigentlich nur einen einzigen Rat: "Schau nicht hin, was Lowe wirft. Vergiss ihn. Geh da rauf und spiel dein Spiel." Und Jocky ging auf die Bühne und versuchte einfach nur, sein Spiel durchzubringen.

00:08:45: Stefan: Am Ende gewinnt er fünf zu drei und wird Weltmeister. Der erste Schotte in der Geschichte dieses Sports. Dazu gab's noch sechseinhalbtausend Pfund Prämie für einen Mann, der drei Jahre vorher noch arbeitslos war. Und was kauft sich Jocky Wilson als Erstes vom Weltmeistergeld? Zähne. Zwölfhundert Pfund für ein Gebiss. Der zahnlose Champion konnte sich zum ersten Mal im Leben ein Lächeln leisten.

00:09:11: Stefan: Jocky Wilson ist Weltmeister. Ganz Schottland feiert ihn. Doch in dem Jahr 1982 sollte noch etwas passieren, das seine Familie mitten ins Fadenkreuz stellt und es hat nichts mit Dart zu tun. Aber dazu gleich mehr.

00:09:28: Stefan: Dass 1982 kein Ausrutscher war, beweist das Jahrzehnt danach. Viermal British Professional Champion. 1981, '83, '86 und 1988. Fast zehn Jahre absolute Topspitze. Wie groß er wurde, zeigt am besten ein Versehen. 1982, äh, gab's ja diese Fernsehserie Top of the Pops und die Band Dexy's Midnight Runners spielt Jackie Wilson Said. Eine Hommage an Jackie Wilson, den amerikanischen Soulsänger. Und irgendjemand in der Bildregie hört den Namen, denkt an den einzig berühmten Wilson, der ihm einfällt und blendet hinter der Band ein riesiges Foto ein. Der zahnlose Dartspieler aus Kirkcaldy. Vor Millionen Zuschauern, der Soulsänger und der Bergmann, verwechselt auf der größten Musikbühne des Landes. Es gibt kein besseres Maß für Ruhm. [lacht] Aber der Ruhm hatte einen Preis, den keine Kamera zeigt. Stell dir einfach mal einen Dienstagabend vor, irgendwo in den Midlands.

00:10:30: Stefan: Ein Brauereisaal, zweihundert Leute und Jocky spielt gegen zwanzig von ihnen. Einen nach dem anderen, zwei Stunden am Stück. Grinsen, werfen, Hände schütteln. Er ist der Letzte, der die Halle verlässt. Dann ins Auto, nächstes Hotel, nächste Stadt,

00:10:46: Stefan: wieder in einen anderen Saal oder in eine andere Halle. Das war sein eigentliches Geschäft, die Exhibitions, nicht die Turniere. Jocky lebte aus dem Koffer. Seine Familie sah er manchmal alle zwei Wochen. Er hat es einmal nüchtern zusammengefasst: "Man ist irgendwie Entertainer. Man grinst und zieht es durch."

00:11:06: Stefan: Und der Mann, der ganz Schottland zum Lachen brachte, war fast nie zu Hause.

00:11:14: Stefan: Schauen wir mal auf Krisen und Wendepunkte in seiner Karriere.

00:11:18: Stefan: Erinnert ihr euch noch an Malvina, Jockys Ehefrau seit 1968,

00:11:24: Stefan: die Jugendliebe aus Kirkcaldy?

00:11:26: Stefan: Was ich euch bis jetzt nicht erzählt habe, Malvina ist nicht in Schottland geboren. Sie kam in Buenos Aires zur Welt. Ihre Mutter war Schottin, ihr Vater war Pole. Das Paar lebte damals in Argentinien und ihre Eltern gaben ihr den Namen nach dem Land ihrer Geburt, Malvina. So hießen die Falklandinseln auf Spanisch. Seit ihrem fünften Lebensjahr lebten sie in Schottland. Ein Name, weiter nichts. Vierzehn Jahre lang interessierte es niemanden.

00:11:56: Stefan: Dann kommt 1982. Das Jahr, in dem Jocky Weltmeister wird, ist das Jahr, in dem Großbritannien in den Falklandkrieg zieht Und plötzlich ist Malvina kein Name mehr. Plötzlich ist es eine Provokation. Nachbarn feindeten die Wilsons an für den Geburtsort und den Namen seiner Frau, die seit dem Kindergarten in Schottland lebt. Bei einem Turnier lässt ein Offizieller eine Bemerkung über Malvina fallen und Jocky, der ohnehin ein Vulkan war, geht komplett hoch. Das Ergebnis, eine mehrmonatige Sperre. Er kann einen seiner Titel nicht verteidigen. Jahre später hat er es mal so eingeordnet:

00:12:35: Stefan: "Ich hab wegen des Falklandkriegs was abbekommen. Meine Frau lebt hier, seit sie fünf ist und daraus haben sie eine Sache gemacht."

00:12:44: Stefan: Derselbe Mann im selben Jahr. Nationalheld auf der Bühne und angefeindet vor der eigenen Haustür.

00:12:52: Stefan: Dabei trug er ohnehin schon mehr, als man von außen sah. Man muss die Zeit verstehen. Thatchers Britannien, die Kohlereviere sterben. Städte wie Kirkcaldy kämpfen ums nackte Überleben. Wenn aus so einer Gegend einer ganz nach oben kommt, trägt er die Hoffnung der ganzen Region auf der Bühne, ob er will oder nicht. Beim World Cup, wenn Schottland gegen England antrat, lief Jocky fast unter Tränen ein. So groß war die Angst, seine Leute zu enttäuschen. Und auf der anderen Seite stand doch fast immer derselbe Mann. Eric Bristow, the Crafty Cockney. Fünffacher Weltmeister, der damalige König des Sports.

00:13:31: Stefan: Und wer Bristow kennt, der weiß ganz genau, er ist laut, provokant und geboren dafür, gehasst zu werden.

00:13:38: Stefan: Zwischen den beiden lag echte Abneigung, keine Show. Der laute Engländer, der mürrische Schotte, das älteste Duell der Insel. Bristow nannte damals Wilson öffentlich "fett wie ein Schwein" und drohte, dessen Namen vom WM-Pokal zu kratzen.

00:13:55: Stefan: Das hat Bristow selbst so im Interview erzählt.

00:13:58: Stefan: Und Jocky war nicht der Typ, der so etwas schluckte. 1983, direkt vor einem World-Cup-Match,

00:14:04: Stefan: hat Wilson Bristow getreten.

00:14:07: Stefan: Die beiden mussten von Offiziellen getrennt werden und spielten dann ihr Match. Es gab World-Cup-Finals, die Schottland gegen England verloren hat und Jocky war danach am Boden. Nicht wegen seines Ergebnisses, sondern einfach nur, weil Schottland verloren hatte. Und zur Wahrheit dieser Jahre gehört auch der Lebensstil und ich will ihn einordnen, ohne den Richter zu spielen. Jocky trank und rauchte viel, bis zu fünfzig Zigaretten am Tag über Jahrzehnte. Aber Darts in den Achtzigern war ein Sport der Kneipen, gespielt in Rauch und geben von Alkohol. Das galt fast für alle, nicht nur für ihn. Jocky ging auf seine Art damit um. Weggefährten erzählten, dass er nach durchzechten Abenden am nächsten Morgen von Tür zu Tür ging und sich bei den Kollegen entschuldigte. Er sagte immer: "Hab ich dich gestern gekränkt?" Ohne zu wissen wofür. Und er hatte diesen Satz halb Witz, halb Beichte.

00:15:02: Stefan: "Ich übe nur, wenn ich besoffen bin." Ob man darüber lacht oder sich sorgt, das überlasse ich euch. Es war Teil dieser Ära, die es so nicht mehr gibt.

00:15:13: Stefan: Geldstrafen von der BDO, Sperren,

00:15:16: Stefan: einmal ein verweigerter Handshake. Jocky war für die Verbände ein Problemfall und für das Publikum im selben Atemzug unwiderstehlich. Nur mit einem wurde er nie fertig, mit der Presse. Die Boulevardblätter liebten ihn als Zielscheibe. Er sah anders aus, er redete anders, er passte in kein Klischee. Und jeder Fehltritt stand am nächsten Tag groß in der Zeitung. Andere Spieler ließen so etwas abperlen. Jocky nahm's mit nach Hause. Die, die ihn kannten, sagten, unter dem rauen Aufträgen war er verletzlich. Im Grunde wollte er nur eins. Er wollte seine Ruhe haben. Aber auf der Bühne, wenn es zählte, war er da. 1989, sieben Jahre nach dem ersten Titel mit neununddreißig, steht er noch einmal im WM-Finale. Sein Gegner natürlich Eric Bristow. Und Jocky spielt das Spiel seines Lebens. Er führt fünf zu null in Sätzen gegen den größten Spieler seiner damaligen Zeit. Die Halle wartet nur noch auf den Schlusspunkt. Aber der Schlusspunkt kommt erst mal nicht. Bristow gewinnt einen Satz, dann noch einen. Fünf zu eins, fünf zu zwei, fünf zu drei, fünf zu vier. Und jeder im Saal spürt, das kippt hier gerade. Das wird die Geschichte vom Mann, der ein fünf null im WM-Finale weggeworfen hat.

00:16:34: Stefan: Und dann gibt es diesen einen Moment. Jocky ist dran und hat hundertvier Rest auf den Titel. Triple achtzehn, der erste Dart sitzt.

00:16:42: Stefan: Einfach vierzehn, sind sechsunddreißig Rest.

00:16:46: Stefan: Doppel achtzehn. Jeder Spieler weiß das im Schlaf. Und Jocky stellt sich hin und zielt auf die Tops.

00:16:52: Stefan: Er hat sich verrechnet, mitten im WM-Finale beim Wurf auf den Titel gegen den Erzfeind mit einer schmelzenden führung im Rücken.

00:17:00: Stefan: Und jeder, der selbst Dart spielt, weiß, das kommt hin und wieder mal vor. Gerade wenn man so extrem unter Druck steht, sind dann vielleicht die einfachsten Sachen, die man schon hundertmal so gestellt hat und gemacht hat, irgendwie einfach weg. Und man weiß auch genau, wie sehr so was seinen Gegner wieder ins Spiel bringen kann. Aber gut, Jocky verpasste die hundertvier und die Tür für Bristow steht wieder sperrangelweit offen. Aber auch er vergibt und Jocky macht die Tür einfach zu. Er sammelt sich, stellt sich noch einmal hin und holt den entscheidenden Satz. Sechs zu vier, Weltmeister zum zweiten Mal, sieben Jahre nach dem ersten Titel gegen den Mann, der ihn öffentlich beleidigt hatte. Bristow selbst hat die Logik dieses Sports später in einen Satz mal gepackt. Einmal kannst du Glück haben

00:17:48: Stefan: und um zweimal zu gewinnen, musst du gut sein.

00:17:52: Stefan: Und der Junge aus dem Kinderheim hatte es zweimal bewiesen.

00:17:59: Stefan: Schauen wir auf Jockys Vermächtnis.

00:18:01: Stefan: Sein Körper meldet sich zuerst.

00:18:04: Stefan: Mitte der Neunziger diagnostizierten die Ärzte Diabetes und dazu noch Arthritis in den Händen. Und da muss ich als Spieler kurz innehalten. Alles in diesem Sport hängt an den Fingern, an der Feinmotorik, am immer gleichen Zauberin loslassen. Und wenn die Gelenke steif werden und jeder Griff wehtut, ist dein wichtigstes Werkzeug kaputt. Bei Jocky traf es ausgerechnet die Hände, die ihn zweimal zum Weltmeister gemacht hatten.

00:18:29: Stefan: Am 23. Dezember 1995 macht Jocky Wilson etwas, das irgendwie gut zu ihm passt und einen irgendwie trotzdem sprachlos lässt. Er hat einfach aufgehört. Einfach so. Keine Abschiedstour, keine Pressekonferenz, kein letztes Winken. Einer der bekanntesten Sportler des Landes verschwindet ohne ein einziges Wort von der Bühne. Wer ihn kannte, wusste, das war kein Trotz. Das war einfach nur Erschöpfung. Er geht zurück nach Kirkcaldy in die Sozialwohnung am Thornhill Drive. Die Zahlen dieser Jahre sind bitter. Ein Rechtsstreit mit seinem früheren Manager kostete ihn rund achtzigtausend Pfund. 1998 wird er für bankrott erklärt.

00:19:12: Stefan: Der Mann, der ganze Hallen gefüllt hat, lebt von einer Invalidenrente.

00:19:18: Stefan: 2009 kommt noch COPD dazu, die chronische Lungenkrankheit, die in Kirkcaldy nie jemand vom Kohlestaub der Gruben getrennt gesehen hat. Die Stadt, die ihn als Jung ernährt hatte, saß am Ende in seiner Lunge.

00:19:31: Stefan: Und jetzt komme ich wieder zurück zur Frage vom Anfang. Was hat der Mann hinter dem Briefkasten gesehen, als er durch den Schlitz nach außen schaute?

00:19:39: Stefan: Die naheliegende Antwort wäre, einen Feind.

00:19:42: Stefan: Die Presse, die Neugierigen, die Journalisten, die die Story vom abgestürzten Champion suchten.

00:19:49: Stefan: Und die gab es. 2007 versuchte es ein Reporter des Observers ein letztes Mal. Die Antwort kam von Malvina und die war eindeutig. Er hat seit dem Aufhören kein Interview gegeben und wird es nie tun. Für ihn ist das alles Vergangenheit. Kein Groll in diesen Worten, nur eine Tür, die zu blieb.

00:20:12: Stefan: Aber die Wahrheit über diesen Briefkasten ist eine andere und sie ist fast das Gegenteil von vergessen. Kirkcaldy beschützte ihn. Die Nachbarschaft schirmte Jocky ab. Keiner verriet Fremden, wo er wohnte, keiner ließ jemanden an ihn heran, den er nicht heranlassen wollte. Er war ihr Junge. Hinter dieser Tür musste Jocky Wilson zum ersten Mal seit Jahrzehnten niemand mehr sein. Kein Champion, kein Entertainer, keine Schlagzeile, nur Jocky.

00:20:42: Stefan: Aber eines muss man ihm lassen. Vielleicht das Größte an diesem Mann, er hat nie jemandem anderen die Schuld dafür gegeben.

00:20:49: Stefan: Ziele hätte es genug gegeben. Die Presse, das verlorene Geld, die Gesundheit. Er hat einmal dazu gesagt, "Ich übernehme die volle Verantwortung. Ich würde niemand anderen die Schuld geben." Ein Mann, der alles verloren hat und sich keine Legende zurechtlegt. Keine Ausreden, nur die nüchterne Wahrheit über sich selbst.

00:21:12: Stefan: Am 24. März 2012 stirbt Jocky Wilson zu Hause in Kirkcaldy, zwei Tage nach seinem zweiundsechzigsten Geburtstag in der Stadt, in der alles angefangen hat. Und dann füllen sich die Nachrufe nicht mit Spott über den Absturz, sondern mit Wärme. Alte Rivalen sprechen von Respekt, Fans erzählen von Begegnungen im Pub, von einem Autogramm auf einer der Werte, von kleinen, unerwarteten Freundlichkeiten.

00:21:39: Stefan: Ein Gedanke taucht immer wieder auf. So einer verschwindet nie wirklich. Sein Name ist jedenfalls geblieben, ganz buchstäblich. 2009 schuf die PDC den Jocky Wilson Cup, Schottland gegen England. Ausgerechnet das Duell seines Lebens. Und der Pokal der World Senior Darts Championships trägt bis heute seinen Namen. Bristow hatte einmal gedroht, Jockys Namen vom Pokal zu kratzen. Am Ende steht er nun auf zweien.

00:22:06: Stefan: Was bleibt von Jocky Wilson? Für mich ist es zum einen diese außergewöhnliche Wurfbewegung und die Briefkastenklappe, die sich hebt und wieder fällt.

00:22:18: Stefan: Ein Mann kam aus dem Nichts, stand zweimal ganz oben und ging dann freiwillig genau dorthin zurück, wo er hergekommen war. Ich weiß nicht, ob das eine traurige Geschichte ist oder eine würdevolle. Vielleicht muss man kein Weltmeister sein, um das zu verstehen. Vielleicht reicht es, selbst mal am Oche gestanden zu haben, mit zitternden Fingern und dem Gefühl, dass alle zuschauen, um zu ahnen, wie laut es in so einem Kopf werden kann und wie verlockend die Stille. Und Jocky hat sich diese Stille genommen. Danke, dass ihr bis hierher zugehört habt. Wenn ihr noch Fragen zu Jocky habt oder 'ne Geschichte über ihn kennt, die hier noch nicht vorkam, dann schreibt sie mir gerne hier in die Kommentare unter dieser Folge

00:23:01: Stefan: oder besucht meinen Instagram-Kanal, Das Leben ist eine Scheibe. Den Link dazu packe ich euch auch gleich noch in die Short Notes. Auf dem Kanal poste ich immer wieder Neuigkeiten rund die Folgen und wie sie entstehen. Da könnt ihr mich auch direkt ansprechen und ja, freue ich mich auf jeden Fall, ähm, auf jeden Austausch, der da entsteht. Und natürlich freue ich mich sehr, wenn ihr bei der nächsten Folge wieder reinhört.

00:23:24: Stefan: Bis dahin, good darts.

00:23:29: *outro jingle*

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