Fallon Sherrock – The Queen of the Palace

Shownotes

Fallon Sherrock (geboren 1994) wurde 2019 über Nacht weltberühmt, als sie als erste Frau der Geschichte bei der PDC-Weltmeisterschaft einen Mann schlug. Diese Folge erzählt, wie eine chronisch kranke, alleinerziehende Mutter und mobile Friseurin aus Milton Keynes zur Queen of the Palace wurde, warum ihr größter Triumph und der übelste Hass im selben Paket kamen und was von ihr bleibt.

Ihr habt noch Fragen zu Fallon Sherrock, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über sie, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram.

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+++Quellen & zum Weiterlesen+++ Interviews & O-Töne von Fallon Sherrock: „My health is a lot better now, manageable now" (SportBible, 2026), „I need to sort myself out" (2025) sowie ihre Worte über Beau Greaves (SportBible) Wikipedia: Fallon Sherrock sowie PDC World Darts Championship 2020 WM 2019, Siege gegen Ted Evetts und Mensur Suljović und die Niederlage gegen Chris Dobey: Sky Sports Darts, BBC Sport, ESPN, ITV, RTÉ, The Sun und Guernsey Press Karriere und Einordnung: PDC (pdc.tv), Sporting Life, dartsnews.com und Darts World Jugend- und Frauentitel (u. a. WDF World Cup Girls Singles 2011, World Masters Girls 2012, BDO World Trophy 2018): DartsWDF Hintergrund zur Nierenerkrankung und zum „Moon Face": Private Therapy Clinics

Impressum

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00:00:00: Stefan: Es ist 2017 und es läuft ein Dartspiel im Fernsehen. Eine junge Frau steht am Oche. Sie ist krank. Nicht so, dass man es sieht, dachte sie zumindest. Ihre Nieren haben angefangen, sich gegen sie zu wehren. Die Medikamente, die das aufhalten, tun noch etwas anderes. Sie verändern ihr Gesicht. Es wird runder, voller und fremd. Die Ärzte haben einen Namen dafür: das Mondgesicht. Und an diesem Abend läuft es im Fernsehen. Sie spielt ihr Spiel, fährt nach Hause und das Telefon geht nicht still. Es sind nicht ein paar Kommentare. Es sind Hunderte. Fremde Menschen, die ihr Gesicht auseinandernehmen. Wie sie aussieht, was mit ihr nicht stimmt. Sie könnte die Darts einfach weglegen. Viele hätten es wahrscheinlich getan. Sie legt sie aber nicht weg. Und sie sagt später den Satz ganz ruhig: „Das hat mich nur noch entschlossener gemacht.“ 2 Jahre später steht dieselbe Frau vor 3000 Menschen und sie schreien ihren Namen. Wie kommt man von einem Abend zum anderen? Und was macht es mit einem Menschen, wenn plötzlich die ganze Welt mitreden will bei einem Gesicht, das einem selbst gehört?

00:01:14: Stefan: Willkommen bei „Das Leben ist eine Scheibe“, der Podcast über die Menschen hinter dem Oche. Ich bin Stefan und heute sprechen wir über Fallon Sherrock. [Intro-Musik]

00:01:49: Stefan: Aber fangen wir von vorne an. Milton Keynes, England. Eine ganz normale Familie. Die Mutter Sue sitzt an der Kasse im Tesco, der Vater Steve ist Elektriker. Beide verdienen nicht übermäßig viel Geld, aber genug. Und beide spielen Darts. Und das nicht nur zum Spaß. Sie spielen richtig im Verein für ihre Grafschaft. Im Haus der Sherrocks gehört das Board zur Familie wie der Esstisch. Alle spielen, alle trainieren. Nur eine nicht. Fallon hatte als Kind keine Lust auf Darts. Wenn die anderen trainierten, saß sie im Badezimmer und wartete, bis es vorbei war. Darts war das Ding der Familie, aber nicht ihres. Sie spielte lieber Tennis und Darts im Fernsehen schauen, hat sie fast nie gemacht. Sie hatte keine Vorbilder in diesem Sport. Sie kannte auch die Namen kaum. Und dann war da noch ihre Schwester, Felicia, ihr Zwilling.

00:02:44: Stefan: 2 Mädchen, gleiches Gesicht, gleiches Alter. Und Felicia war die Bessere. Das sagt Fallon selbst. In der Jugend galt die Schwester als das größere Talent. Wenn jemand tippen sollte, aus welcher der beiden mal etwas wird, zeigte der Finger nicht auf Fallon, sondern auf Felicia.

00:03:01: Stefan: Irgendwann später fängt Fallon doch an.

00:03:04: Stefan: Etwas später als ihre Schwester mit 16.

00:03:08: Stefan: Aber als sie einmal angefangen hat, geht alles ganz schnell. Sogar sehr schnell. Mit 17 ist sie Jugendweltmeisterin. Beim großen Jugendturnier der WDF holt sie den Einzeltitel der Mädchen. Das Kind, das nicht spielen wollte, wirft plötzlich alle in ihrer Altersklasse aus dem Turnier. Ein Problem hat sie aber: Sie kann richtig gut spielen. Die großen Zahlen kommen, die hohen Aufnahmen, das Scoring, das ist ihre Stärke, das liegt ihr. Aber der Abschluss nicht. Das Doppel. Man kann das ganze Board treffen und trotzdem nicht gewinnen, wenn man das letzte Feld nicht trifft. Das wissen wir alle.

00:03:45: Stefan: Also übt sie Doppel und Doppel und Doppel. Stundenlang. Nur die schmalen Felder am Rand. Ein Mädchen aus Milton Keynes im Schatten der Schwester und plötzlich Jugendweltmeisterin. Es könnte von hier an eine gerade Erfolgsgeschichte losgehen. Dann wird Fallon Mutter und danach ist nichts mehr, wie es vorher war.

00:04:09: Stefan: [Musik] April 2014. Fallon bekommt ihren Sohn Rory. Sie ist jung und sie ist eine alleinerziehende Mutter mit einem kleinen Haus mit 2 Schlafzimmern. Und Rory ist besonders. Er ist autistisch.

00:04:28: Stefan: Das heißt, mehr Aufmerksamkeit, mehr Geduld, einfach mehr von allem. Fallon sagt selbst, dass Muttersein eine Herausforderung ist. Und ungefähr ein halbes Jahr nach der Geburt kommt die zweite Sache: Ihre Nieren erkranken. Der eigene Körper greift sie an. Das Immunsystem wendet sich gegen das eigene Organ. Die Behandlung ist hart. Sie bekommt Medikamente, die das Immunsystem herunterfahren, damit es aufhört, die Nieren zu zerstören. Es wirkt, aber es hat einen Preis. Erinnert ihr euch an das Mondgesicht aus dem Anfang? Da ist es. Eine Nebenwirkung der Medikamente. Ihr Gesicht schwillt an. Sie erklärt das später selbst, nüchtern, fast wie eine Ärztin. Sie sei auf andere Medikamente umgestellt worden, die hätten Nebenwirkungen gehabt und die Nebenwirkungen sei dieses geschwollene Gesicht gewesen. Sie beschreibt ihren eigenen Körper von außen, als würde sie über jemand anderen reden. Dazu der Rest, den so eine Behandlung mitbringt: Das Gewicht, die Erschöpfung und der Alkohol muss weg. Sie wird abstinent für die Nieren, für immer. Fallon macht daraus keine große Klage. Sie sagt später einen Satz, halb trotzig, halb amüsiert: „Ich sehe nicht aus wie die typische Dartspielerin, oder?“ Sie weiß, dass die Leute ein Bild im Kopf haben, wenn sie an diesen Sport denken und dass sie da nicht hineinpasst.

00:05:53: Stefan: In diesen Jahren ist ihr das egal. Sie hat größere Sorgen als das Bild, das andere von ihr haben. Womit verdient sie ihr Geld? Sie ist mobile Friseurin. Sie fährt zu den Leuten nach Hause und schneidet ihre Haare. Ein Tag in diesen Jahren sieht folgendermaßen aus: Rory versorgen, der viel braucht. Zu den Kunden fahren, schneiden, kassieren, weiterfahren. Die Tabletten nehmen, die den Körper müde machen und dann zum Schluss, wenn alles erledigt ist, ein paar Darts werfen. Und jetzt kommt das, was man kaum glauben mag.

00:06:26: Stefan: Sie wirft nicht nur einfach Darts, sie gewinnt. Dieselbe Frau, die zwischen Nierentabletten und Kundenterminen ihre Doppel übt, gehört in diesen Jahren zu den besten Spielerinnen des Landes. 2015, mit 20, steht sie im Finale der Frauenweltmeisterschaft in Lakeside. Ein Jahr nach der Geburt, mitten in der Krankheit und im Endspiel um einen WM-Titel. Sie verliert nur knapp gegen Lisa Ashton, die diesen Titel schon mehrfach geholt hat. Eine Legende des Frauendarts. Aber sie stand da, mit 20, als junge Mutter, gegen die Beste. 3 Jahre später gewinnt Fallon selbst einen der großen Frauentitel, die BDO World Trophy.

00:07:07: Stefan: Fallon Sherrock ist längst Meisterin.

00:07:09: Stefan: Nur es schaut keiner hin.

00:07:11: Stefan: Der Frauendarts läuft nicht zur besten Sendezeit im Fernsehen. Er füllt keine großen Hallen. Außerhalb der Szene kennt kein Mensch ihren Namen. Sie kann Titel gewinnen, so viele wie sie will. Es ändert nichts an dem müden Körper, an dem Windeln, an der Fahrt zum nächsten Haarschnitt. Kein Reporter wartet vor der Halle, keine Kamera. Sie gewinnt, packt ihre Darts ein und fährt heim zu Rory.

00:07:35: Stefan: Das ist der Kern von allem, was jetzt kommt.

00:07:39: Stefan: Dann, 2017, das TV-Spiel. Ihr Gesicht an diesem Abend geschwollen und viele sehen es. Und die Kommentare kommen. „Ein paar hässliche“, sagt sie.

00:07:50: Stefan: Sie ahnt nicht, dass das erst der Anfang war. Hier halten wir mal ganz kurz an. Eine kranke, alleinerziehende Mutter, die Haare schneidet, um über die Runden zu kommen und die zugleich Meisterin in ihrem Sport ist, den keiner überträgt. Ihr Gesicht kennt man nur, um darüber zu lästern.

00:08:08: Stefan: Wird die Welt sie je für das sehen, was sie kann? Darüber sprechen wir gleich, denn Fallon Sherrock geht gleich auf die größte Bühne, die dieser Sport hat. [Musik]

00:08:21: Stefan: Reden wir über die Nacht, die alles verändert hat. Dezember 2019. Alexandra Palace in London. Das ist die Dart-Weltmeisterschaft, der größte Saal des Darts. Draußen kalt, drinnen ein Meer aus Menschen in Kostümen, Bier in der Hand, Gesang. 2.000, 3.000 Leute und bis zu diesem Jahr waren nur Männer am Oche. Es gibt 2 Startplätze für Frauen. Fallon hat einen davon. Ihr erster Gegner ist Ted Evetts, ein junger Profi. Fast niemand glaubt, dass sie gewinnen kann. Sie hat selber gesagt: „Ich war die Einzige, die dran geglaubt hat.“ Vor dem Spiel ist sie ein Nervenbündel. Die Anspannung vor dem ersten Wurf war riesig. Draußen die Menge. Sie hofft auf eine Sensation.

00:09:08: Stefan: Dann geht's los.

00:09:10: Stefan: Dart für Dart.

00:09:12: Stefan: Das Spiel ist eng. Es wird kein Durchmarsch von Ted Evetts. Es geht hin und her. Ein Satz für ihn, ein Satz für sie.

00:09:20: Stefan: Bis in den letzten entscheidenden Satz. Und am Ende steht Fallon da, wo sie sonst immer zitterte. Vor einem Doppel. Und im einen schmalen Feld, das über alles entscheidet. Sie hat es tausendmal trainiert, zwischen Windeln und Tabletten, wenn keiner zugeschaut hat. Genau dieses Feld. Sie wirft den Darts und er sitzt und der komplette Saal explodiert.

00:09:44: Stefan: Zum ersten Mal überhaupt hat eine Frau bei der Weltmeisterschaft ein Spiel gewonnen.

00:09:49: Stefan: Hier auf der großen Bühne, der größten Bühne, die es im Dartsport gibt.

00:09:55: Stefan: Sie könnte jetzt einfach aufhören und wäre schon Geschichte, aber sie macht weiter. Die nächste Runde. Der Gegner heißt Mensur Suljović. Damals die Nummer 11 der Welt. Ein Routinier. Er hat schon viele Jahre auf der Tour verbracht und ist zu der Zeit auch einer der ganz Großen. Der 1 Sieg, sagen viele, das war ein Wunder. Der zweite Sieg ist der Beweis. Gegen Abbott konnte man noch von Tagesform reden. Gegen die Nummer 11 der Welt nicht mehr.

00:10:27: Stefan: Und Fallon schlägt Mensur klar.

00:10:30: Stefan: 11 von 16 Versuchen aufs Doppel sitzen an diesem Abend. Eine Quote, von der Weltklassespieler träumen.

00:10:37: Stefan: Sie trifft, als hätte sie nie etwas anderes gemacht. Das letzte Bild bleibt ihr für immer.

00:10:43: Stefan: Das Finish auf Bullseye,

00:10:46: Stefan: mitten ins Herz des Boards.

00:10:49: Stefan: Danach, erzählt sie, konnte sie 2 Tage lang nicht schlafen. Zu viel Adrenalin im Blut, zu viel von allem. Und über Nacht heißt sie nicht mehr Fallon, die mobile Friseurin. Sie ist the Queen of the Palace.

00:11:03: Stefan: Der komplette Ally Pally singt ihren Namen. Menschen in Kostümen, Becher in der Luft und mittendrin diese Frau im pinken Shirt. Das Pink, hat sie erzählt, war eigentlich Zufall. Eine andere Spielerin trug schon Blau, also nahm Fallon Pink, um sich abzuheben. Jetzt ist es die Farbe einer Königin. Bei ihren nächsten Auftritten kommen Fans verkleidet als Fallon. Blonde Perücke, pinkes Shirt.

00:11:28: Stefan: Männer, die sonst nur rumgrölen und Bier trinken, tragen jetzt ihr Gesicht. In wenigen Tagen ist aus einer Unbekannten eine Kultfigur geworden. Die dritte Runde. Der Gegner hier: Chris Dobey. Und der Saal ist jetzt irgendwie kein Saal mehr. Das ist quasi 'ne Kirche für sie. Die Menschen halten Schilder hoch: „Willst du mich heiraten, Fallon?“ Und mein ganz besonderer Favorit: „Fallon, ich mach auch deine Bügelwäsche.“ Sie führt 2 zu 1 gegen Dobey. Sie ist 3 Legs davon entfernt, noch eine Runde weiterzukommen. Aber Chris kommt zurück. Er gewinnt 6 Legs in Folge. Kühl, sauber, unaufhaltsam. 4 zu 2. Das Märchen ist hier vorbei.

00:12:14: Stefan: Aber jetzt passiert etwas, das man selten sieht.

00:12:18: Stefan: Chris Dobey hat gewonnen. Er trifft den letzten Dart im Doppel und statt zu jubeln, dreht er sich zum Publikum um und überlässt den Applaus Fallon Sherrock. Er tritt zur Seite und über 3000 Menschen singen ihren Namen. Sie hat verloren und der ganze Saal feiert sie, als hätte sie gewonnen. Sie sagte selbst hinterher nur: „Ich hab es so verdammt genossen. Und Chris hat großartig gespielt. Das kann ich ihm nicht nehmen.“ Sie geht mit 25.000 Pfund nach Hause und mit etwas anderem, das sie nicht bestellt hat.

00:12:53: Stefan: Denn während sie spielt, meldet sich die Welt. Die Tennislegende Billie Jean King schreibt ihr persönlich. Hollywood-Schauspielerinnen teilen ihr Bild. Ein Fernsehmoderator, ein Schriftsteller, Menschen, die vorher nie ein Dartspiel gesehen haben. Plötzlich kennen alle den Namen Fallon Sherrock. Ihr Gesicht ist über Nacht überall.

00:13:14: Stefan: Über Nacht ist sie kein Name mehr aus den Darts. Sie ist ein Name im ganzen Land. Zeitungen, Fernsehen, Morgenshows. Fremde erkennen sie auf der Straße.

00:13:24: Stefan: Sie, die vor kurzem noch Haare geschnitten hat. Und mit dem Gesicht kommt wieder der Hass. Nur diesmal nicht ein bisschen, diesmal richtig viel. Hör dir ihren eigenen Satz an. Ein bisschen Hass, sagt sie, habe es schon 2017 gegeben, als ihr Gesicht bei dem TV-Spiel anschwoll. Aber viel mehr sei erst gekommen, nachdem sie bei der WM gespielt hatte. Das ist der bittere Kern. Je größer sie wird, desto lauter das Urteil über ihr Gesicht. Ein paar 100 Nachrichten im Monat. Sie hört irgendwann auf, die zu lesen. Sie sagt immer: „Wenn ich im Fernsehen war, wurde es schlimmer und ich bekam Angst davor, wie ich aussehe.“ Man muss sich klarmachen, was das heißt. Da gewinnt eine Frau das Unglaubliche und muss danach lernen, ihr eigenes Handy nicht mehr anzufassen.

00:14:14: Stefan: Der schönste Moment ihres Lebens und der grausamste kommen im selben Paket. Sie trägt beides. Klappt nicht zusammen. Aber leicht macht ihr das keiner.

00:14:25: Stefan: Die Welt hat sich ihr Gesicht genommen,

00:14:28: Stefan: erst um es zu verspotten, dann um es zu krönen. Gefragt hat sie keiner. Eine Sache noch aus dieser Nacht und die gehört ihr ganz allein. Das Board, auf das sie gegen Evetts geworfen hat. Sie versteigert es. Das Geld geht an eine Stiftung für autistische Kinder, für Kinder wie ihr Sohn Rory.

00:14:50: Stefan: Die Welt sieht ein Symbol. Sie sieht ihren Sohn [Gitarrenakkord].

00:14:58: Stefan: Schauen wir uns an, wie es sich mit dem Namen Fallon Sherrock lebt. Denn jetzt kommt der Teil, den die Schlagzeilen vergessen. Denn nach einem Märchen erwartet man das nächste. Noch eine WM, noch ein Wunder. Die Welt wartet darauf, dass die Königin zurückkommt und weiter regiert. Aber sie kommt nicht zurück. Jedenfalls nicht so.

00:15:19: Stefan: Schon im Jahr darauf verpasst Fallon die Qualifikation für die WM. The Queen of the Palace nicht dabei. Sie will sich eine Tour-Karte erspielen und der Weg dahin führt über die Q School. Und die ist gnadenlos, besonders in England. 4 Tage, hunderte Spieler und am Ende gibt's nur ein paar Tour-Karten. Sie scheitert. Einmal sogar um einen einzigen Platz. Sie wurde 10, wo nur die ersten 9 die Karte bekommen. Ein Leg zu wenig. Sie versucht es wieder und sie scheitert wieder. An einem dieser Tage verpasst sie zusammen mit einem jungen Mädchen, das später noch eine Rolle spielt. Der Name Beau Greaves. Aber dazu später mehr.

00:16:03: Stefan: Keine Tour-Karte heißt kein sicheres Einkommen von der großen Tour. Wie lebt man denn dann vom Darts? Man fährt durchs Land und spielt Exhibitions. Ein Abend in einer Halle. Die Leute wollen die Königin sehen. Sie wirft, sie unterhält, sie fährt weiter. Es ist ein hartes Brot. Kein festes Gehalt, keine Garantie.

00:16:26: Stefan: Die berühmteste Dartspielerin der Welt muss jeden Abend selbst einspielen, was sie verdient. Ruhm allein füllt keine Kasse. Auftritte tun es. Und hier erzählt Fallon etwas Schönes. Früher, sagt sie, war sie selbst der Fan. Sie hat die Lose gekauft, um bei so einem Abend einmal gegen einen Star zu werfen. Einmal habe sie so gegen John Lowe gespielt, eine Legende im Dartsport.

00:16:53: Stefan: Sie, das fahle Mädchen im Publikum, gegen ihn. Und jetzt, sagt sie, sei sie selbst die, gegen die alle spielen wollen. Sie hat auch eine freche Seite. In der Kneipe, gibt sie zu, zockt sie gern Leute ab, die eine Frau am Board unterschätzen. Sie lässt sie glauben, sie hätten eine Chance. Und dann, wenn das Geld auf dem Tisch liegt, sagt sie: „Google mich mal.“ Und noch etwas macht Fallon früh klar. Kurz nach dem Ally Pally kehrt sie der BDO den Rücken, dem alten Verband, in dem sie groß geworden ist. Der Grund ist einfach und bitter: das Preisgeld. Für den Frauen-WM-Titel gibt es dort 8.000 Pfund.

00:17:34: Stefan: Bei den Männern ein Vielfaches.

00:17:37: Stefan: Dafür, sagt sie, stellt sie sich nicht mehr hin. Beim Darts, findet sie, zählt am Ende nur eins: der Dart und das Doppel. Keine Kraft, keine Größe. Also geht sie dorthin, wo am härtesten geworfen wird.

00:17:52: Stefan: Und mitten in all dem, die großen Auftritte kommen doch, nur anders, als sie die Welt erwartet.

00:17:59: Stefan: 2021 beim Nordic Dart Masters, einem Turnier der World Series of Darts, zieht sie ins Finale ein. Gegner im Endspiel: Michael van Gerwen, damals die Nummer eins der Welt. Sie verliert.

00:18:13: Stefan: Aber sie stand dort im Finale, im Fernsehen, gegen den Besten. Das hatte vor ihr noch niemand aus dem Frauendarts geschafft. Beim Grand Slam of Darts steckt sie gleich 2 gestandene Profis, darunter noch einmal Suljović, und wirft dabei einen der höchsten Averages des ganzen Turniers. Es ist nicht mehr die eine Sensation.

00:18:34: Stefan: Es ist eine, die abliefert, wann immer sie darf.

00:18:39: Stefan: 2022 gewinnt sie das allererste Women's World Matchplay. Der erste Titel, den dieses große Turnier vergibt, und der geht an sie.

00:18:48: Stefan: 2023 wirft sie einen 9-Darter. Bei einem PDC-Event hat das vor ihr noch keine Frau geschafft.

00:18:56: Stefan: Und die eine Nacht trägt sie um die Welt. Fallon, die vorher kaum aus England rausgekommen ist, spielt plötzlich in New York beim US Darts Masters im Madison Square Garden, der Halle, in der Boxlegenden und Weltstars aufgetreten sind. Sie steht in einer Stadt, die sie vorher nur aus Filmen kannte. Sie will unbedingt einen echten Hotdog vom Straßenstand. Sie will ein amerikanisches Diner, so wie es im Kino aussieht. Ein Mädchen aus Milton Keynes, die Haare geschnitten hat, mitten in Manhattan, weil es an einem Dezemberabend 2 Männer geschlagen hat.

00:19:31: Stefan: So weit reicht diese eine Nacht. Und im selben Jahr fährt sie nach Windsor Castle. Sie wird geehrt mit dem MBE. Die drei Buchstaben stehen für Member of the Order of the British Empire. Es ist eine der Auszeichnungen, die das britische Königshaus für besondere Verdienste vergibt. Vor ihr haben Größen wie Eric Bristow und John Lowe diesen Orden bekommen. Fallon bekommt ihn für das, was sie für den Darts getan hat. Überreicht wird er von Prinz William. Sie ist so nervös, erzählt sie, dass sie ihn fragt, ob er wirklich Darts im Fernsehen schaue. Er habe trocken geantwortet: „Ja, im Fernsehen.“ Sie steht auf einem Schloss neben Sportgrößen, die geehrt werden wie sie.

00:20:16: Stefan: Ein Mädchen, dem als Kind Darts zu langweilig war, verbeugt sich vor dem künftigen König. Und dasselbe Land, das ihr Gesicht zerrissen hat, hängt ihr einen Orden an die Brust. Von der mobilen Friseurin zum Orden auf dem Schloss. Und doch, das Gesicht lässt sie nicht in Ruhe.

00:20:35: Stefan: In ihrer eigenen Stadt kann sie kaum noch einkaufen gehen, ohne erkannt zu werden. In demselben Tesco, in dem ihre Mutter an der Kasse sitzt. Wie macht man sich unsichtbar? Sie geht ohne Make-up, die Haare hoch, die Brille ab. Das Gesicht, das die Welt verhöhnt hat, dann gekrönt hat. Jetzt versteckt sie es, um in Ruhe Milch kaufen zu können. Und noch etwas nagt. Fallon kommt in späteren Jahren wieder in Ally Pally, über andere Wege. Aber die Nacht von 2019 wiederholt sich nicht. Mal schaltet sie gleich in der ersten Runde aus, im nächsten Jahr wieder. Jeder Auftritt wird an dem einen Abend gemessen, den sie selbst nie mehr ganz einholt. Das ist der Preis einer perfekten Nacht. Alles danach steht in ihren Schatten. Und die Krankheit ist nie weg. Sie bleibt. 2025 wird es zu viel. Fallon sagt öffentlich, dass sie kürzer treten muss. Sie hat Exhibitions absagen müssen, weil die Kraft einfach nicht mehr reicht. Sie spricht ehrlich davon, dass sie nur noch ihr B-Spiel abrufen kann, nicht ihr Bestes. Und sie sagt einen Satz, der wehtut und Mut macht zugleich: „Ich muss mich in Ordnung bringen, gesund werden und dann ist alles möglich.“ Dazu kommt in diesen Jahren viel auf einmal. Die Beziehung zu einem anderen Dart-Profi zerbricht. Ihr Sohn hat gesundheitlich zu kämpfen. Ein schweres Jahr, mehrere Baustellen und dahinter immer die Nieren. Man würde es verstehen, wenn sie hier leiser würde, wenn die Geschichte hier endet.

00:22:12: Stefan: Aber sie klingt nicht aus.

00:22:17: Stefan: [Gitarrenakkord] Frühjahr 2026. Fallon spricht wieder über ihre Gesundheit und diesmal klingt es anders. „Mir geht's viel besser“, sagt sie. „Es ist im Griff.“ Die lange Pause, die sie fürchten musste, braucht sie nicht mehr. Und dann halb Drohung und halb Lachen: „Also, tut mir leid für alle. Ihr werdet mich noch eine ganze Weile sehen.“ Und da ist noch ein Grund, warum sie weitermacht. Der Grund ist elf Jahre und heißt Rory. Aus dem kleinen Jungen, für den sie damals das Board versteigert hat, ist ihr größter Fan geworden. Wenn Fallon zu Hause übt, sagt sie, muss sie inzwischen ein zweites kleines Board neben ihrem aufhängen, weil Rory mitwerfen will. Sie hat ihn angesteckt. „Vielleicht“, sagt sie, „wird er selbst mal Spieler.“ Sommer 2026. Es ist jetzt noch gar nicht lang her. Blackpool. Wieder ein Finale. Das Women's World Matchplay, ihr Turnier, das sie als Erstes gewonnen hat. Auf der anderen Seite steht ein Mädchen, Beau Greaves. Der Name aus der Q School. Und Beau ist ein Phänomen. Über 100 Spiele in Serie hat sie gewonnen. Über 100, ohne eine einzige Niederlage.

00:23:33: Stefan: Und sie hat als erste Frau ein Players Championship-Turnier gewonnen, also sprich einen PDC-Titel. Im Finale schlug sie damals Michael Smith, der unter anderem auch Weltmeister war. In nur wenigen Jahren hat sich verschoben, was in diesem Sport möglich ist. Fallon hat 2019 eine Tür aufgestoßen und Beau geht durch diese Tür und läuft weiter, als Fallon je gekommen ist. Das Finale in Blackpool ist eng, bis ins letzte Leg und am Ende gewinnt Beau. Wieder mal. Jetzt könnte man eine bittere Geschichte erwarten. Die Pionierin überholt von der Jüngeren, von der eigenen Tür überrannt. Aber hör dir stattdessen an, was Fallon sagt über die Frau, die sie gerade geschlagen hat. „Beau wirft einfach. Sie hat so einen natürlichen Wurf, er geht einfach rein. Sie scheint keinen Druck zu spüren.“

00:24:26: Stefan: Und der Satz, auf den es ankommt: „So viele Menschen schauen jetzt Beau zu und das gibt uns Frauen mehr Boden, von dem aus wir loslegen können.“ Das sind keine Worte einer Verliererin. Das ist eine, die versteht, was sie gebaut hat.

00:24:43: Stefan: Über Fallon nach dem Finale steht nur:

00:24:45: Stefan: „Beau hat den Sieg verdient. Sie war die Bessere. Kein Groll, keine Ausrede.“ Und wie sieht es heute aus im Frauendarts, den Fallon mit aufgebaut hat?

00:24:57: Stefan: Es gibt inzwischen eine eigene Serie. 2 Dutzend Turniere im Jahr. Vor 10 Jahren undenkbar. Aber schauen wir aufs Geld und das Bild wird wieder nüchtern. Wer so ein Turnier gewinnt, bekommt ein paar tausend Pfund. Bei den Männern werden am selben Wochenende Hunderttausende ausgeschüttet. Und der Weg nach ganz oben ist schmal. Ein paar Plätze bei der WM führen über diese Serie. Alles andere geht nur über die Tour Card und die hat unter den Frauen bisher genau eine: Beau Greaves.

00:25:29: Stefan: Und selbst da ist es verzwickt. Weil Beau Greaves so überlegen ist, gibt es inzwischen Stimmen, die sie am liebsten aus der Frauenserie heraushalten wollen, damit die anderen überhaupt eine Chance haben. Erfolg als Problem. So verdreht es die Lage. Als Fallon 2019 kam, sagte der große Dartspromoter, der Chef der PDC, Barry Hearn, einen Satz, der bis heute irgendwie nachhallt.

00:25:56: Stefan: Er sagte: „Die Frauen müssen sich das Recht auf die große Bühne erst verdienen.“ Fair, sagen die einen, eine Ausrede, sagen die anderen.

00:26:07: Stefan: Ich finde, es ist eine Ausrede. Fallon steht auf der Seite derer, die mehr Türen wollen. Ihr eigenes Ziel hat sie nie abgegeben. Sie will Weltmeisterin werden, ob bei den Frauen oder in der großen gemischten WM. Egal. Und sie kämpft weiter für die, die nach ihr kommen. Mehr feste Plätze, mehr Turniere, in denen die Beste auf die Beste trifft. Denn nur so, glaubt sie, wächst der Frauendarts wirklich.

00:26:36: Stefan: [Musik] Denken wir zurück an den Anfang,

00:26:41: Stefan: an die junge Frau von 2017. Allein zu Hause, das Telefon voller fremder Menschen, die über ihr Gesicht urteilen. Dieses Gesicht hat die Welt verwöhnt. Dann hat sie es gekrönt und Queen of the Palace gerufen.

00:26:56: Stefan: Und heute geht Fallon ohne Brille, ohne Make-up durch den Tesco, damit sie einmal in Ruhe einkaufen kann. Sie hat nie die eine große WM gewonnen. Das ist wahr. Wer eine Geschichte über Titel will, findet natürlich größere. Aber es gibt jetzt Beau Greaves, die oben mitmischt, als hätte es nie eine Grenze gegeben. Und es gibt tausend Mädchen dahinter, die 2019 vor dem Fernseher saßen, als Fallon als erste Frau ein WM-Spiel gewonnen hat und der ganze Saal ihren Namen gerufen hat.

00:27:28: Stefan: Fallon Sherrock ist kein Endpunkt. Sie ist die Tür und Fallon hält diese Tür offen. Das nächste Mal, sagt Fallon, hofft sie, sich wieder für die WM zu qualifizieren. Zurück an den Ort, an dem alles begann. Zurück in den Ally Pally.

00:27:47: Stefan: Das soll's an dieser Stelle gewesen sein mit der Queen of the Palace und ich bedanke mich natürlich wieder fürs Zuhören bei euch und freue mich natürlich über Kommentare zu dieser Folge. Lasst uns da gern drüber diskutieren, auch auf Instagram, auf meinem Kanal „Das Leben ist eine Scheibe“. In diesem Sinne freue ich mich natürlich schon wieder auf die nächste Folge. Ich hoffe, ihr hört wieder rein und bis dahin allen guten Tag.

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