Bobby George – The King of Bling
Shownotes
Bobby George (geboren 1945 in Manor Park, East London) ist einer der größten Charaktere, die der Dartsport je hatte: King of Bling, mit Krone und Kerzenleuchter, zweimal im WM-Finale und nie Weltmeister. Diese Folge erzählt, wie aus einem Jungen mit blindem Vater, der Tunnel unter London grub, ein Mann wurde, der einer stillen Sportart das Lachen beibrachte und der selbst mit gebrochenem Rücken nicht von der Bühne ging.
Ihr habt noch Fragen zu Bobby George, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über ihn, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram: Ich lese alles und antworte.
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+++Quellen & zum Weiterlesen+++ Interviews & O-Töne von Bobby George: „Tops and Tales" (2024) sowie das Buch „Still Here" Wikipedia: Bobby George sowie die BDO World Darts Championships 1980 und 1994 Karriere und Titel (News of the World 1979 und 1986, North American Open, Butlins Grand Masters, WDF Europe Cup): dartsnews.com, Sporting Life, Winmau und Darts World Zum „King of Bling"-Image und den BBC-Jahren: PDC (pdc.tv) und Darts World Zur lebensrettenden Hilfe durch Jocky Wilson (Milzriss 1981): The Scotsman und The Courier Hintergrund Ken Aston, Erfinder der roten und gelben Karte: History.com
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00:00:00: Stefan: Ein Mann steht auf der Bühne und kann sich nicht bewegen. Nicht, dass er es nicht will. Er kann's nicht. Sein Rücken ist gebrochen. Ja, du hast richtig gehört. Richtig gebrochen. Der Bruch ist sogar ein paar Tage alt. Wir haben ihn in ein Stahlkorsett geschnallt, von den Schultern bis runter zur Hüfte. Der Mann ist steif wie ein Brett. Schmerzmittel? Gibt's keine. Der Arzt hat gesagt: „Wenn es zu viel wird, kippst du einfach um.“ Das ist dann seine Sicherung. Er schwitzt. Er kann nichts trinken. Er kann sich nicht bücken. Er kann nicht mal nach einem guten Wurf die Faust nach oben reißen. Er wirft und trifft, wirft und trifft. Unten an der Bühne steht seine Frau und ruft ihm zu, immer wieder: „Hör auf! Hör endlich auf!“ Aber er tut's nicht. Er bleibt auf der Bühne. Stell dir das mal vor. Jeder normale Mensch würde runtergehen, ins Bett, zum Arzt, nach Hause. Er bleibt oben und er gewinnt. 9 Legs am Stück. Was ist das für ein Mann? Und warum um alles in der Welt hört er nicht auf? Um das zu verstehen, erzähle ich dir erst mal, wo er herkommt. Und das ist ganz weit weg von dieser Bühne, in einem kalten Haus im Osten Londons, kurz nach dem Krieg, bei einem kleinen Jungen, dem eigentlich alles fehlt. Willkommen bei „Das Leben ist eine Scheibe“, der Podcast über die Menschen hinter dem Oche. Ich bin Stefan und heute spreche ich über Bobby George. [Musik] Und wenn du die Folge über Jocky Wilson gehört hast, dann kennst du ihn schon ein bisschen. Bobby George ist der Mann mit dem Kerzenleuchter, der Jocky damals überredet hat, Dart zu spielen. Heute drehen wir die Geschichte um. Heute gehört die Bühne Bobby George. Wir befinden uns in Manor Park, im Osten von London, 16. Dezember 1945. Der Krieg ist gerade ein paar Monate vorbei. Das Land liegt noch halb in Trümmern und in einer Arbeiterfamilie wird ein Junge geboren: Robert Francis George. Für alle einfach immer nur Bobby. Und das Leben teilt gleich zum Anfang richtig aus. Bobby erzählt das heute selbst ganz ruhig, fast beiläufig. Seine Mutter stirbt, als er 3 ist und sein Vater, der ist blind, hat das Augenlicht jung verloren. Er zieht den Jungen trotzdem groß mit einer zweiten Frau, die Bobby „Mom“ nennt, weil er nie eine andere kennengelernt hat. Aber hör dir mal an, wie Bobby das sagt. Er war die Hände und die Augen seines Vaters. Der Vater sagte: „Mach so und so“, und genau so hat's Bobby auch gemacht. Stell dir das mal vor. 'N kleiner Kerl, der für seinen Vater sieht, der die Welt beschreibt, die der andere nicht mehr sehen kann. Geld gibt's in der Familie kaum welches. Ein blinder Vater konnte nicht raus und schuften. Also gingen sie auf Flohmärkte, in die Läden mit den alten Armeesachen. Und da passiert etwas, das den ganzen späteren Bobby schon in sich trägt. Der Vater drückt ihm ein paar Schilling in die Hand und sagt zu ihm: „Geh und rüste dich aus, Bobby.“ 7 Jahre alt, zieht er los und kommt zurück mit Stiefeln, einer Hose und einer Jacke. Komplett bunt, voller Farben.
00:03:35: Stefan: Bobby ist stolz wie Oskar, zieht die Klamotten an, marschiert zur Schule, kommt dort ans Tor und alle salutieren. Es war der Mantel eines japanischen Generals aus irgendeinem Armee-Restposten-Shop. Bobby wusste das nicht, aber, zumindest sagt er heute: „Das muss mir wohl im Kopf geblieben sein.“ Und jetzt merk dir einfach mal dieses Bild. Nee, ich sag's anders. Wir kommen später noch mal auf diese Jacke zurück. Du wirst sehen, warum. In der Schule läuft's nicht. Mit 14 ist Bobby raus ohne einen einzigen Abschluss. „Lesen ging irgendwie“, sagt er, „aber schreiben so gut wie gar nicht.“ Er hat die Buchstaben verdreht. Heute hätten wir einen Namen dafür. Damals hieß es einfach, der kann's einfach nicht. Aber eins konnte der Junge. Der Junge war stark, kräftig, zäh und gut mit den Händen. Und darauf baut er alles auf. Er wird Türsteher in 'nem Pubs im East End von London. Er verlegt Böden, er mauert
00:04:34: Stefan: und er geht runter in die Tunnel und hilft, die Londoner U-Bahn zu graben, die Victoria Line, tief unter der Stadt. Doppelschichten, schwere Ringe aus Eisen heben, 200 Pfund schwer. Der Rücken nimmt da schon Schaden, aber das merkt er erst 30 Jahre später. Und was ihn antreibt, ist kein großer Traum. Es ist ein einziger trotziger Gedanke:
00:04:56: Stefan: „Ich muss hier raus. So will ich nicht leben.“ Später trifft er einen alten Bekannten wieder. Ein Mann, der die rote und die gelbe Karte im Fußball erfunden hat. Das war damals Bobbys Lehrer. Und der sagt zu ihm einen Satz, der hängen bleibt:
00:05:11: Stefan: „Du hast halt was anderes gemacht, als in einem Büro zu sitzen und einen Stift zu schieben. Wir können eben nicht alle gleich sein.“ Und genau dieser Satz, das hat er mal den Jungen früher schon um die Ohren gehauen, als er nicht schreiben konnte. Und jetzt kriegt er es irgendwie als Auszeichnung zurück. Nur bis dahin ist es noch weit. Erst mal ist Bobby einfach ein kräftiger Kerl, der für ein paar Pfund alles anpackt. Darts? Darts kennt er kaum. Das kommt erst und es kommt, weil das Wetter nicht mitspielt. [Musik] Bobby ist Ende 20, fast 30 und er hat ein großes Hobby: das Angeln. Und eines Tages geht er mit seinem Kumpel Mel zum Hochseefischen nach Irland, in Kinsale. Nur an dem Tag gibt's 'ne raue See. Das Boot schaukelt rauf und runter, rauf und runter. Den beiden wird richtig schlecht. Sie müssen wieder zurück an Land. Kein Fisch heute. Und Mel sagt zu Bobby: „Komm, dann spielen wir halt ein paar Darts.“
00:06:13: Stefan: Die gehen in 'nen Pub und der hieß The Lobster Pot. Den gibt's übrigens heute noch. Mel spielt schon ewig Dart. Er ruft Bobby die Zahlen zu: „Wo ist die 18?“ Bumm. Bobby trifft die 18. „Und jetzt die Doppel 16, Bobby.“ Bumm, drin. Mel guckt ihn an: „Wie machst du das?“ Und Bobby: „Ganz ehrlich, ich hab keine Ahnung.“ Denn rechnen konnte er nämlich nicht. Er konnte nicht mal ausrechnen, welches Doppel er noch werfen soll. Aber treffen, treffen konnte er sofort. Mel spielt seit 16 Jahren und trifft nicht so gut wie der Typ, der noch nie ein Board von Nahem gesehen hat. Ein paar Tage später schaut Bobby beim Finale der örtlichen Liga zu, die besten Spieler der Gegend. Und er denkt sich nur: „Die sind doch gar nicht so gut.“ Er sagt's sogar laut: „Ich nehme die auseinander und werde die Nummer 1 der Welt.“ Mel dachte, hat er später zumindest erzählt: „Was für ein eingebildeter Kerl.“ Das war er vielleicht auch, aber er hatte recht. Bobby will in die Super League zu dem Besten. Der Mann, der die leitet, ist ein gewisser Johnny Squire. Der ist skeptisch. Und dieser Johnny hat genau einen Zahn im Gebiss, anderthalb Zentimeter lang, in allen Farben. Wenn er redete, sagte Bobby, hat er nur auf diesen Zahn gestarrt. Kennst du das? Du willst zuhören und kannst einfach nicht wegschauen. [kichert] Der Beitritt kostet einen Fünfer. Viel Geld damals. Bobby zahlt, geht rein und gewinnt sofort die Super League. Johnny sagt: „Reines Glück.“ 4 Monate später gewinnt Bobby die Essex Masters, kommt in 'nen Pub und Johnny ruft von der Theke: „Wer hat gewonnen?“ Und je sauer der Mann wurde, sagte Bobby, desto gelber wurde dieser eine Zahn. [kichert] Bobby stellt die Trophäe direkt vor ihn auf den Tresen.
00:08:02: Stefan: Da dreht Johnny komplett durch und sagt: „Was willst du trinken, mein Freund?“ Und genau so geht es jetzt weiter, bergauf. Bobby lernt sogar das Rechnen auf seine Art.
00:08:14: Stefan: Er sagt, es ist gar kein Rechnen. Es ist ein Gedächtnis für Kombinationen, wie eine Telefonnummer, die du runterrasselst, ohne die Ziffern zu sehen. Der Junge, der keine Buchstaben behalten konnte, merkt sich jetzt jede Finish-Kombination am Board. Und dann kommt sein großer Wurf. 1979, das News of the World, damals eins der größten Turniere überhaupt, live im Fernsehen. Und Bobby machte etwas, das vorher keiner gemacht hat. Er gewinnt das ganze Turnier, ohne ein einziges Leg abzugeben. Jedes Match 2 zu 0. Also, dieses Turnier wurde damals im Best-of-3-Modus gespielt, also wird heute noch im Best-of-3-Modus gespielt, komplett durch, vom ersten bis zum letzten Spiel. Und im Fernsehen wirft er einen Schnitt von über 100, als erster Mensch überhaupt in einem Turnier, das übertragen wurde. Das Verrückte: Bobby wusste es jahrelang nicht mal. Erst sein Sohn hat's ihm später ausgerechnet. „Papa, du hast über das ganze Turnier einen Hunderter-Average gespielt.“ Und hier trifft Bobby eine Entscheidung, die sein ganzes Leben prägt. Im Turnier-Darts war damals kaum Geld. Der Ruhm für einen Tag, eine Trophäe, schön, aber die Miete zahlt das nicht. Also geht er einen anderen Weg. Die Auftritte, die Exhibitions, Abend für Abend durch die Hallen, Show machen, gegen jeden spielen, der will. „So“, sagt er, „hab ich jeden Abend gewonnen. Ich konnte gar nicht verlieren“, hat er gesagt. Und da fällt auch der Satz, den für ihn bis heute jeder Darts-Fan kennt: „Triples for show, doubles for dough.“ Die Triple sind für die Show, die Doppel sind fürs Geld, heißt das im Groben übersetzt.
00:09:51: Stefan: Die großen Aufnahmen sehen schön aus, die lassen die Hallen toben, aber gewinnen tust du auf den Doppelfeldern. Und Bobby wusste immer, wo das Geld wirklich liegt. Aber warte noch kurz, bevor er ganz nach oben kommt, wartet da einer auf ihn, einer, mit dem sein Name für immer verbunden bleibt. Halten wir an dieser Stelle einfach mal kurz an.
00:10:12: Stefan: Ein Bauarbeiter, der zufällig zum besten Darter im Raum wird und jetzt vor der größten Bühne steht, die dieser Sport hat. Auf der anderen Seite ein junger, frecher Kerl aus Stoke, der ihn zur Legende macht und ihm gleichzeitig den größten Titel vor der Nase wegschnappt. Gleich geht's um das Finale, das Darts im Fernsehen für immer verändert hat. [Musik] 1980, das WM-Finale. Bobby George spielt gegen Eric Bristow. Die beiden sind Kumpels. Bobby fährt Eric sogar mit hin, weil Eric kein Auto fahren kann. Aber an diesem Abend stehen sich beide gegenüber. Und Bobby sagt vorher: „Wir 2, wir geben dem Publikum jetzt was.“ Und das taten sie auch. Vorher war Darts im Fernsehen 'ne stille Sache. Spiel zu Ende, kurzer Applaus, Ruhe. An diesem Abend nicht. Das Publikum fängt an, ihre Namen zu singen. „Bobby George, Eric Bristow“, hin und her.
00:11:09: Stefan: Zum ersten Mal ist die Menge kein braver Zuschauer mehr, sondern mittendrin, laut und fröhlich.
00:11:16: Stefan: Genau das kennst du heute aus jeder vollen Halle. Das hat an diesem Abend angefangen, mit diesen beiden Spielern. Und das Match ist eng. Bobby hat eine Chance. Er könnte mit 2 Sätzen in Führung gehen und hätte danach den Vorteil, den Satz zu beginnen. Er könnte Eric so richtig unter Druck setzen. Er braucht nur ein einziges Doppel zum Satzgewinn. Und jetzt passiert etwas, das jeder Sportler kennt und keiner mag. Bobby fängt an nachzudenken. Tausendmal hat er so ein Finish geworfen. Einfach hingeschaut, geworfen, drin. Aber ausgerechnet in diesem wichtigen Moment schaltet sich der Kopf ein. „Bloß keinen Fehler machen, Bobby.“ Und George sagt es heute selbst: „Das hab ich vorher nie gemacht. Ich hab immer nur geschaut und geworfen. Und genau an der Stelle hab ich's vergeigt.“ Am Ende kommt Eric zurück und gewinnt 5 zu 3.
00:12:10: Stefan: Und wie reagiert Bristow? Er reibt Bobby den Sieg schön unter die Nase. „Gibst einen guten Zweiten ab“, sagt er. Aber Bobby ist nicht mal richtig sauer. Die Leute haben zu Bobby immer gesagt: „Bristow hat dich geschlagen.“ Und Bobby hat immer nur beantwortet: „Ja, aber ich bin der Hübschere von uns beiden.“ Jetzt musst du wissen, wer Eric Bristow überhaupt war. Also ohne ihn gäbe es die Geschichte von Bobby George eigentlich gar nicht. Bobby beschreibt Bristow wie 'nen alten Kumpel, den man liebte oder der einen zugleich in den Wahnsinn treibt. Wenn er gewinnt, ist er immer sehr gut drauf und wenn er verliert, wird's richtig übel. „Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, sagt Bobby. Wenn Eric auf deiner Seite stand, war es der beste Kumpel der Welt. Stand er dir gegenüber, war er absolut furchtbar.
00:13:01: Stefan: Denn abseits der Bühne waren die beiden ein Gespann. Sie turten zusammen, spielten zusammen im Doppel. Da gibt's eine Geschichte aus Amerika. Die zeigt beide in einem einzigen Bild. Das ist 'n Doppelturnier in den USA. Bobby und Eric auf einer Seite und auf der anderen Seite 2 Amerikaner.
00:13:19: Stefan: Und die Amerikaner provozieren Eric 'n bisschen. Also will Bristow den beiden es richtig zeigen. Als George und Bristow vorne liegen, schnappt sich Eric aus dem Publikum eine amerikanische Flagge und wischt sich damit symbolisch den Hintern ab und wirft die auf 'n Boden. Die ganze Halle dreht durch und tobt. Sie buhen ihn aus und Bobby sagt zu ihm eigentlich nur einen Satz: „Eric, die haben hier Waffen. Du gehst jetzt besser.“ Bristow geht und Bobby entschuldigt sich. Das hat er oft gemacht für Eric. Und trotzdem war Bobby ihm nie lange böse. Über seine eigenen Niederlagen hat er immer Witze gemacht. Und 2 Jahre nach jenem WM-Finale zahlt er es Eric sogar heim. In einem großen Turnier, in einem Endspiel in Europa, schlägt er Eric Bristow. Aber die ganz große Prüfung kommt erst noch. Die hat nichts mehr mit dem Kopf zu tun. Sie trifft seinen Körper. [Musik] Erinnerst du dich an den Mann von Anfang, der auf der Bühne stand und sich nicht bewegen konnte? Genau jetzt sind wir hier. 1994, die Weltmeisterschaft. Im Viertelfinale gegen Kevin Kenny trifft Bobby ein Doppel und springt vor Freude hoch.
00:14:32: Stefan: Diese Bühnenböden federn ein bisschen. Er kommt runter, will gleich wieder hoch und dann passiert es. Bobby weiß es sofort. Da ist irgendwas kaputt. Sein Gegner fragt: „Geht's dir gut? Ist dein Rücken in Ordnung?“ Und Bobby sagt: „Ja, egal.“ Er spielt zu Ende und er gewinnt. Und der Rücken ist nicht nur verstaucht, er ist gebrochen.
00:14:54: Stefan: Zwischen Viertel- und Halbfinale liegen genau 24 Stunden.
00:14:58: Stefan: Er liegt da mit einem gebrochenen Rücken. Über Nacht bauen ihm die Ärzte dieses Stahlkorsett. Und der Arzt sagt: „Eigentlich durftest du gar nicht mehr laufen.“ Und weißt du, was Bobby wahrscheinlich das Leben oder wenigstens das Stehen gerettet hat? Die Tunnel. Als junger Mann hat er sich beim Graben den Rücken ruiniert und die Muskeln haben sich dick um die Wirbelsäule gelegt. Die harte Arbeit von damals hält ihn jetzt aufrecht. Und dann das Halbfinale gegen einen starken Schweden, Magnus Caris. Bobby liegt zurück, 2 zu 4. Caris braucht noch einen einzigen Satz und unten ruft seine Frau immer: „Bobby, hör auf. Hör endlich auf.“ Und Bobby denkt: „Nein, dafür habe ich zu hart gekämpft. Ich hab mich wohl für Rambo gehalten“, sagt er heute mal in einem Interview.
00:15:48: Stefan: Caris lässt den Sieg liegen und danach kriegt er keinen einzigen Wurf mehr. Bobby gewinnt 9 Legs am Stück. Werfen konnte er ja. Nur, ja, bewegen war sehr behäblich.
00:16:02: Stefan: Bobby lässt sich immer dieselbe Zahl stehen, 66, und er trifft sie jedes Mal. Der Schweiß läuft, Trinken geht nicht und er redet sich selbst zu: „Komm, Bobby, triff das Doppel. Verpass es bloß nicht.“ Er gewinnt und danach kann er nicht mal aus dem Bett raus. Er schreit vor Schmerzen. Das ist die Geschichte von Anfang. Der Mann, der nicht aufhört. Jetzt weißt du, wie's ausging. Er stand tatsächlich im Finale gegen den Kanadier John Part. Und da war nichts mehr drin. Er konnte seinen Körper einfach nicht mehr bewegen und das war's dann. Er ging nur noch durch die Bewegung und als Part das Doppel zum Sieg werfen wollte, hat Bobby innerlich gefleht: „Triffe endlich. Ich will nur noch runter von dieser Bühne.“ Bobby verliert 0 zu 6. Er schüttelt die Hand von Part und sagt: „Gut gemacht, John.“ Und er ist einfach nur froh, dass es vorbei ist.
00:16:55: Stefan: Ein paar Wochen später finden die Ärzte heraus, wie schlimm es wirklich war. 8 Schrauben aus Titan und in die Wirbelsäule, nur damit er wieder gerade stehen kann. Und weißt du was? Das war nicht mal das erste Mal, dass es fast vorbei war. Ein paar Jahre vorher auf einer Tour platzt Bobby im Hotelzimmer die Milz. Ein Arzt kommt, gibt ihm ein paar Tabletten und geht wieder.
00:17:17: Stefan: Aber im Zimmer neben ihm wohnt einer, der nicht locker lässt. Ein kleiner Schotte. Er holt eine Krankenschwester, die merkt sofort, Bobby hat kaum noch Puls. Krankenwagen, 5 Wochen Klinik. Dieser Schotte war Jocky Wilson und Bobby sagt bis heute einen einfachen Satz über Jocky: „Er hat mir das Leben gerettet.“ 2 Männer, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten. Der laute Glamour-Mann aus London und der schüchterne Trinker aus Kirkcaldy. Und der eine rettet dem anderen das Leben. Manchmal fügt sich das so.
00:17:50: Stefan: Was in diesen Jahren noch passiert, ist leiser, aber wichtig. Bobby lässt sich scheiden. Er lernt Marie kennen. Er hat 2 kleine Söhne und er trifft eine Entscheidung. Keine Tournierjagd mehr, bei der man jeden Tag am Board stehen und um die Welt reisen muss. Er spielt hier und da noch Exhibition, bleibt zu Hause bei den Kindern. 6 Jahre lang taucht er von der großen Bühne fast ab. Die meisten Geschichten würden hier enden. Ein kaputter Rücken, das große Finale verloren, der Rückzug. Klingt nach Ausklang. Bei Bobby fängt jetzt aber erst das schönste Teil an. [Gitarrenakkord] Fahren wir mal zu ihm nach Hause, nach Ardleigh in Essex, zu einem Haus, das es so kein zweites Mal gibt. Er nennt es die George Hall. Und Bobby hat es mit seinen eigenen Händen gebaut. Er hat sich bauen lassen. Komplett alles alleine gemauert, verputzt, geschweißt, gezimmert. 50 Türen hat er eingehängt. 6 Jahre hat's gedauert, samt der beiden Angelseen, die dafür extra gegraben wurden. Der Bauprüfer ist ein sehr guter Freund geworden
00:19:00: Stefan: und der sagt nachher: „Ich verstehe es nicht, wie ein einziger Mann das schafft.“ Jeden Tag was anderes. Heute Träger schweißen, morgen ist er Zimmermann und übermorgen verputzt er alles.
00:19:13: Stefan: Und das Verrückteste: Wenn man sich das Haus von oben anguckt, hat es die Form eines Dart Flights. 18 Schlafzimmer. Der Junge, der mal Tunnel gegraben hat, um rauszukommen, mauert sich einen Palast in Form eines Flights. Es gibt da eine Szene, die den ganzen Aufstieg in sich trägt. Bobby mäht den Rasen, da kommt 'ne Frau vorbei, die Geschichtslehrerin der örtlichen Schule. Sie sagt zu ihm: „Mr. George, Sie nennen das hier George Hall. Dieses Land hieß über 1000 Jahre lang Martell's. Wilhelm der Eroberer würde sich im Grab umdrehen.“ Und Bobby sagt nur: „Ob Sie's glauben oder nicht, als ich herkam, war hier ein leeres Feld. Da war gar nichts. Also hab ich's nach mir benannt. Warum auch nicht?“ Ein Junge aus dem Nichts gibt einem 1000-jährigen Stück Erde seinen eigenen Namen. Und mittendrin Marie, seine Frau und gleichzeitig auch seine Managerin. Bobby sagt über sie, er weiß gar nicht, wie sie das alles schafft. Sie führt die Geschäfte, macht die Anrufe, kümmert sich auch um die Angelseen, um das ganze Haus. Und dann sagt er einen Satz, der klingt wie ein Scherz, aber keiner ist. Bobby sagt: „Ehrlich? Ich bin nur der Gärtner. Ich kümmere mich nur um alles, was draußen ist. Und um alles andere kümmert sich Marie.
00:20:36: Stefan: Man muss schon großes Glück haben“, sagt er, „wenn man eine Frau hat, die das alles mitmacht und gleichzeitig meine beste Freundin ist.“ Und da sind noch seine Jungs. Seinen Sohn Richie hat Bobby schon mit 4 zum Dart gebracht. Mit 6 Jahren rechnete der Kleine schon wie ein Profi. Richie hat später sogar bis ins Halbfinale der WM geschafft, 2013. Und danach hat er die Pfeile an den Nagel gehangen. Er hat gesagt: „Ich mag dieses Reisen nicht.“ Und sein anderer Sohn Robert, ja, der checkte als Junge mal 60 mit Doppel 15, Doppel 15, statt den normalen Weg zu gehen. Das war's aber auch schon. Bobby hat dann immer gesagt: „Für wen hältst du dich eigentlich? Bobby George?“ Und sein kleiner Junge sagte immer nur ganz trocken: „Ja klar.“ Und die großen Dartspieler von heute, die kennen Bobby alle. Michael van Gerwen nennt ihn einfach Granddad. Und der große Darts-Boss Barry Hearn hat mal über ihn gesagt: „Ein Weltmeister kommt und geht, aber Bobby George bleibt, weil er eine Marke ist.“ Erst dachte der Bobby, der stichelt gegen ihn. Es war aber ein Kompliment. Bleibt die Sache mit dem Gold. Er hat sich ja selbst immer große Goldkettchen umgehangen und extrem viele Ringe gehabt, denn nach außen ist Bobby ja der King of Bling. Die Krone, die er immer trug, der Umhang, der Kerzenleuchter, Ketten überall und dazu noch sein Walk-on-Song von Queen, We Are the Champions.
00:22:05: Stefan: Übrigens war Bobby einer der ersten überhaupt, der einen Walk-on-Song hatte, also der zu Musik einlief. Vorher war's still und er hat gesagt: „Das braucht was.“ Und dann kam die Musik: We Are the Champions.
00:22:19: Stefan: Nicht ich, sondern wir.
00:22:22: Stefan: Man liegt am Boden und steht wieder auf. Das, sagt Bobby, erzählt eine Geschichte. Und die Geschichte bin irgendwie ich.
00:22:31: Stefan: Aber jetzt kommt der Punkt, auf den alles zuläuft. Frag Bobby nach dem ganzen Gold und er sagt dir: „Das ist nur eine Rolle gewesen. Das bin ich nicht.“ Er geht einkaufen und die Leute fragen: „Wo ist dein Gold? Wo sind deine Kerzen? Wo ist dein Umhang? Hältst du dich für Superman?“ Und darunter, unter der Krone und dem ganzen Glitzer, steckt immer noch derselbe Junge aus Manor Park im Osten Londons, der sich mal mit der Jacke eines japanischen Generals ein bisschen Würde gekauft hat. [lacht] Da ist sie wieder, die bunte Jacke vom Anfang. Aus dem armen Kind, das im Restpostenladen nach Farbe gegriffen hat, ist der Mann geworden, der eine ganze goldene Rolle um sich baut. Aber am Ende war's immer nur das: eine Jacke, ein Kostüm. Darunter der, der einfach raus wollte.
00:23:23: Stefan: Bobby ist heute in seinen 80ern. Der Rücken ist kaputt. Er läuft, sagt er selbst, wie ein alter Silberrücken-Gorilla. Seine Kraft ist weg. Und weißt du, was er gemacht hat? Er hat alle Spiegel aus dem Haus genommen, denn Bobby sagt: „Man wird nicht alt, bis man in den Spiegel schaut.“ Im Kopf ist er derselbe geblieben. [Gitarrenakkord] Denk noch mal kurz an den Anfang zurück. An den Mann auf der Bühne, den Rücken gebrochen, der einfach nicht runtergeht. Jetzt weißt du, warum. Weil dieser Mann sein Leben lang nicht aufgehört hat. Nicht als Kind, als er die Augen für seinen blinden Vater war, nicht in den Tunneln unter London,
00:24:06: Stefan: nicht am Board, nicht auf 'nem Bau, nicht mit 8 Schrauben im Kreuz.
00:24:11: Stefan: Bobby George ist nie Weltmeister geworden. 2 Endspiele, 2 Niederlagen. Wer eine Geschichte über Titel will, findet größere.
00:24:20: Stefan: Aber er hat aus fast nichts ein ganzes Leben gebaut, mit den Händen, mit Sturheit und mit einem Witz für jeden schlechten Tag. Er hat einer stillen Sportart das Lachen beigebracht. Und er sitzt heute in einem Haus in Form eines Dartflights, das er selbst gebaut hat, neben einer Frau, die er als seine beste Freundin bezeichnet. Frag ihn einfach mal, wie's ihm geht und er sagt dir seinen liebsten Satz:
00:24:49: Stefan: „Solange ich ein- und ausatme, bin ich noch da.“ [Musik] Das war die Geschichte über Bobby George, der Junge aus Manor Park, der sich sein Leben selbst gebaut hat. Und wenn dir die Folge gefallen hat, lass mir gerne ein Abo hier oder eine 5-Sterne-Bewertung. Das hilft mir natürlich sehr. Wenn du noch Fragen hast über Bobby George oder noch eine Geschichte kennt, die hier noch nicht vorkommt, schreibt's gern in die Kommentare oder schreibt mich auf Instagram an bei meinem Kanal „Das Leben ist eine Scheibe“. Dort könnt ihr mich auch gerne mal anschreiben, wenn ihr irgendwie Wünsche habt, welche Spieler oder Spielerinnen als Nächstes kommen sollen. Bin da immer offen und gern auch, ähm, Feedback. Ganz einfach zu meinen Folgen. Äh, ja, was gefällt dir, was gefällt dir nicht? Ja, da bin ich immer offen für alles, was da kommt. Ja, und in diesem Sinne sag ich Dankeschön fürs Zuhören und freue mich auf die nächsten Folgen und bis dahin, good darts. [Outro-Musik]
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