Paul Lim – Vom Herd zum perfekten Spiel
Shownotes
Paul Lim ist eine der außergewöhnlichsten Figuren, die der Dartsport je hatte: der Koch, der 1990 das erste perfekte Spiel der WM-Geschichte warf, neun perfekte Darts vor laufender Kamera. Diese Folge erzählt, wie aus einem Teilzeitkoch, der über London, Papua-Neuguinea und Kalifornien zog, eine Legende wurde, und warum dieser Mann mit über 70 noch immer auf der größten Bühne des Sports steht, wenn längst viele Spieler bereits aufgehört haben.
Ihr habt noch Fragen zu Paul Lim, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über ihn, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram: Ich lese alles und antworte.
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+++Quellen & zum Weiterlesen+++ Interviews & O-Töne von Paul Lim (zum Neuner von 1990, zu seiner Zeit als Koch der Dart-Größen und zum Comeback mit über 70) Wikipedia: Paul Lim sowie die BDO World Darts Championship 1990, die WDF World Championship 2024 und die PDC World Championship 2026 darts1.de, dartsnews.com, dartsplanet.tv, globaldarts.de und dartswdf.com Sky Sports, Sporting Life und malaymail.com (zu den WM-Auftritten 2021 bis 2025) theindependent.sg (zu Herkunft, Kochausbildung und Familie)
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00:00:00: Stefan: Eine Hotelküche in London, Mitte der 70er. Es ist heiß darin, es ist laut, die Teller klappern, Töpfe scheppern und irgendwer brüllt eine Bestellung durch den Dampf. Und mittendrin steht ein junger Mann, weit weg von zu Hause. Er ist aus Singapur hierhergekommen, über die halbe Welt geflogen, und zwar aus nur einem einzigen Grund: Er will kochen lernen. Richtig gute Küche, Französisch. Er steht am Herd, das Messer in der Hand und macht genau das, wofür er hierher geflogen ist. Frag ihn an diesem Abend mal, was aus ihm wird und er sagt dir: „Ich werd Koch. Vielleicht irgendwann ein eigenes Restaurant, ein solides Leben mit meinem Handwerk.“ Was er nicht sagt, was er nicht mal ahnt, dass ihn eines Tages Tausende in einer Halle abfeiern werden, dass sein Name in die Geschichtsbücher kommt, dass er bis ins hohe Alter auf einer Bühne stehen wird, wenn längst alle anderen aufgehört haben. Und nichts davon erreicht er durch das Kochen, sondern wegen einer Sache, die er nach Feierabend macht, nebenbei, aus reiner Langeweile, während die Kollegen ihr Bier trinken. Was macht ein Koch nach der Schicht, das ihn am Ende berühmter macht als jedes Gericht?
00:01:20: Stefan: Heute geht's nur um ihn, diesen jungen Mann aus Singapur, der nach England kam, um zu kochen und der aus Versehen etwas ganz anderes fand.
00:01:30: Stefan: Willkommen bei Das Leben ist eine Scheibe, der Podcast über die Menschen hinter dem Oche. Ich bin Stefan und heute geht's um Paul Lim. [Musik] Paul Lim kommt am 25. Januar 1954 in Singapur zur Welt und über seine Kindheit erzählt man sich allerhand. Also, ich hab da auch 'n bisschen recherchiert und hab da so einige Sachen gefunden. Man erzählt sich hier Geschichten von einem reichen Vater, äh, von einer riesigen Familie, aber vieles davon lässt sich nicht sauber belegen. Also, lass ich's an der Stelle hier weg, ausführlicher darüber zu sprechen. Aber was zählt, das ist ein Gefühl, das der junge Paul selbst beschreibt. Er wollte weg, raus aus Singapur, raus in die Welt. Und weißt du, wo er eigentlich hin wollte? Er wollte nach Kanada. Das war sein Traum als junger Mann, sagt er. „Dahin wollte ich. Gelandet bin ich dann in London.“ So fängt sein ganzes Leben an, mit einem Ziel, das er verfehlt, und einem anderen Ort, an dem alles anders kommt, als er dachte.
00:02:58: Stefan: Erst mal musste er dienen.
00:03:01: Stefan: Wehrpflicht. Die singapurische Armee von 18 bis 21.
00:03:07: Stefan: „Das war eine harte Zeit“, hat er gesagt.
00:03:09: Stefan: Und kaum ist der Dienst vorbei, ist er auch weg. Er geht nach London. Nicht zum Vergnügen, sondern mit einem Plan. Er will Koch werden. Er macht eine richtige Ausbildung. Ein City and Guilds-Kurs, so hieß in England dieser Berufsabschluss in der Kochkunst. Er war noch auf Colleges in Battersea und in Westminster. Und dann kam seine erste Stelle in einer Hotelküche, im Chelsea Hotel in Knightsbridge, einer der besseren Ecken von London. Ein junger Mann aus Singapur, der in England lernt, wie man französisch kocht. Und dann kommen die Darts.
00:03:46: Stefan: Und pass auf, wie das kommt, denn schöner kann eine Geschichte gar nicht anfangen. Durch seine Mitbewohner kommt er zu den Darts. Die schleppen ihn ständig mit in 'nen Pub, jeden Abend. Nur Paul ist kein großer Trinker. Das war er noch nie. Er sitzt einfach da, die anderen kippen ihre Pints nach hinten und ihm ist langweilig. Also nimmt er die Darts von der Kneipe, die neben dem Board stehen, einfach, um irgendwas zu tun, während die anderen trinken.
00:04:14: Stefan: Und da gab's diese kleinen Kneipenturniere.
00:04:18: Stefan: Weißt du, was es da zu gewinnen gab? Eine Flasche Whisky. Lass das mal kurz sacken. Der Mann, der nicht trinkt, spielt Darts und gewinnt einige Flaschen Whisky, die er gar nicht will. Das ist der ganze Paul Lim schon in einem einzigen Bild. Er spielt nicht für den Preis. Er spielt nur, weil er Spaß daran hat und weil er es kann. Und weil er beim Dart etwas spürt, das seine Mitbewohner vielleicht im Glas suchen.
00:04:44: Stefan: Und du musst auch wissen, was Darts damals war. In England hing fast in jedem Pub ein Board an der Wand. Das war kein Sport für Hallen und Trainer. Das war das Spiel des kleinen Mannes nach der Schicht mit einem Glas in der Hand. Die Kumpel aus der Gruppe, Maurer, Hafenarbeiter und mittendrin ein junger Koch aus Singapur, der abends, wenn die Küche zu ist, zu den Darts greift und die Einheimischen in ihrem eigenen Spiel abzieht.
00:05:10: Stefan: Und der konnte richtig gut spielen, von Anfang an. Paul Lim war so einer, dem liegt das im Blut, ohne dass er's je gelernt hätte. Und jetzt kommt das, worauf ich am liebsten hinauswill. Weißt du, was so'n junger Koch in London in den 70ern gemacht hat, wenn er gut kochen konnte und die Dartszene ihn schon kannte? Er hat für die Großen gekocht. Er hat für John Lowe gekocht, den Mann mit dem ruhigsten Wurf, den dieser Sport je gesehen hat, mit dem frechen Eric Bristow.
00:05:39: Stefan: Und wenn du meine allererste Folge gehört hast, kennst du ihn auch schon für den kleinen wilden Schotten namens Jocky Wilson. Paul Lim hat Jocky Wilson bekocht und man erzählt sich, er habe ihm einmal Ratte und Schlange aufgetischt. Frag Paul heute danach und er lacht und sagt: „Ich bin ausgebildet in französischer Küche. Keine Ratte mehr, keine Schlange. Höchstens noch Ratatouille.“ Über Lowe und Bristow sagte er nur trocken: „Den hat mein Essen damals geschmeckt, egal was ich denen aufgetischt hab.“
00:06:09: Stefan: Und stell dir mal vor, wie klein diese Welt damals war. Der junge Koch kommt aus der Küche, legt die Schürze ab, greift sich ein Set Darts und der Mann, dem er eben noch das Essen auf 'n Teller gelegt hat, steht plötzlich als Gegner am Board. Erst kochen, dann zocken und gewinnen. Ein Koch, der den besten Dartspielern der Welt Essen macht und sie am Board dann selber schlägt.
00:06:32: Stefan: Aber so weit sind wir noch nicht. Erst mal ist Paul nur ein Koch mit einem verdammt guten Wurf und ein Mann, den es nicht lange an einem Ort hält. [Musik] Sechs Jahre bleibt Paul Lim in London. Dann packt ihn wieder diese Unruhe und ab da wird sein Leben zu einer Landkarte. Er geht zurück nach Singapur, kochen. Dann weiter, richtig weit weg, nach Papua-Neuguinea. Ein Job in einem Hotel am anderen Ende der Welt. Regenwald und Pazifik.
00:07:06: Stefan: Und weil er da nun mal lebt und weil er nun Dart spielt wie kaum ein Zweiter, fängt er an, für Papua-Neuguinea zu spielen. Das ist Flagge Nummer eins für ihn. Stell dir das vor: Der erste Verband, für den dieser Mann international antritt, ist ein Inselstaat im Südpazifik, den die meisten nicht mal auf der Karte finden würden. 1980 gewinnt er dort ein großes Turnier der Region, den Pacific Cup, im Einzel. Und dabei wirft er auch einen Zehn-Darter, fast das perfekte Spiel. Nur ein einziger Dart zu viel. Schon damals, am Ende der Welt, ist dieser Koch ganz nah dran an etwas Vollkommenem. Über einen amerikanischen Spieler, mit dem er sich angefreundet hatte, kommt der nächste Sprung in die USA, nach San Bernardino in Kalifornien. Und wieder dasselbe Muster. Er kocht unter der Woche Teilzeit Französisch und Asiatisch und am Wochenende packt er die Darts ein und zieht über die amerikanische Turnierszene drüber. Flagge Nummer zwei: die USA. Und jetzt wird's ernst. 1988 ist Paul Lim die Nummer eins der Vereinigten Staaten im Dart. Denk mal kurz drüber nach, was das heißt. Ein Einwanderer aus Singapur, der zwischen zwei Kochschichten zum besten Dartspieler eines ganzen Landes wird. In einem fremden Land, in einem Spiel, das er per Zufall in einer Londoner Kneipe aufgeschnappt hat. Später kommen noch zwei Flaggen hinzu: Singapur selbst, sobald es im Weltverband anerkannt ist, und sogar einmal für Hongkong. Vier Nationen in einem einzigen Sport erleben. Aber versteh das nicht falsch. Paul Lim, das war kein Fahnenwechsel irgendwie aus Ehrgeiz. Paul Lim spielt immer für das Land, in dem er gerade am Herd stand. Darts war das Feste in seinem Leben, das ständig den Ort wechselte.
00:09:00: Stefan: Und einmal im Jahr, ganz gleich, wo er gerade lebt, zieht es ihn an denselben Ort zurück, nach England zur Weltmeisterschaft.
00:09:09: Stefan: Damals lief die WM noch unter dem Verband BDO im Lakeside Country Club, südwestlich von London. Ein Ferienclub mit Teppichboden, an dem sich in den 80ern alles versammelte, was im Darts Rang und Namen hat. Paul ist da schon länger dabei. Sein WM-Debüt hatte er 1982. Erste Runde, gleich wieder raus. In den Jahren danach immer wieder hin und auch meist früh verloren. Ein guter Spieler unter vielen, der von weit her anreist und selten lange bleibt.
00:09:41: Stefan: Bis Januar 1990. Zweite Runde der BDO-WM. Paul Lim spielt gegen den Iren Jack McKenna. Und dann passiert in einem einzigen Leg das, wovon jeder von uns träumt und was nicht viele hinkriegen. Erste Aufnahme, 180. Zweite Aufnahme, wieder 180. Sechs Darts im Board, alle perfekt und der halbe Saal hört auf zu atmen. Es bleiben 141 Rest.
00:10:12: Stefan: Du weißt in dem Moment genau, was in der Luft liegt. Neun perfekte Darts. Und bei einer Weltmeisterschaft vor laufender Kamera, das hat noch kein Mensch geschafft. Noch nie. 141. Drei Darts. Jetzt muss alles sitzen. Triple 20. Passt. Triple 19.
00:10:31: Stefan: Auch drin. Bleiben 24 Rest. Ein Dart, Doppel zwölf. Ein Koch aus Singapur, ein Dart in der Hand und die ganze Geschichte des Sports wartet darauf, dass er das Ding versenkt.
00:10:45: Stefan: Ein einziger Dart trennt einen Teilzeitkoch von etwas, das vor ihm noch nie ein Mensch geschafft hat. Zumindest nicht bei einer Weltmeisterschaft vor laufender Kamera. Er wirft den Dart auf die Doppel zwölf.
00:11:00: Stefan: Bleib dran. Gleich erfährst du, ob er trifft und was dieser eine Wurf mit dem Rest seines Lebens macht. [Musik] Doppel zwölf. Der Dart sitzt. Neun perfekte. Der erste Nine-Darter der WM-Geschichte, den je eine Kamera eingefangen hat.
00:11:21: Stefan: Der Saal explodiert, die Leute springen auf und Paul Lim, der Mann, der eigentlich nur kochen wollte, steht mitten in einem Moment, der ihn überleben wird.
00:11:31: Stefan: Und damit du begreifst, wie selten das war: Im Fernsehen hat es einen einzigen Nine-Darter überhaupt erst einmal gegeben, sechs Jahre vorher, geworfen von John Lowe, dem Mann, für den Paul schon mal gekocht hat. Aber bei einer Weltmeisterschaft auf der größten Bühne, die dieser Sport hatte, da war's Paul Lim der Erste, der Allererste. Vor ihm niemand. Jetzt kommt der Teil, bei dem ich sehr schmunzeln musste.
00:12:00: Stefan: Für diesen einen Wurf gab's eine Sonderprämie und die war nicht klein. 52.000 Pfund hat er damals für den Neuner bekommen. Für neun Darts, ein paar Sekunden Arbeit.
00:12:13: Stefan: Und weißt du, wer im selben Jahr das ganze Turnier gewonnen hat? Der Weltmeister von 1990, ein junger Phil Taylor. Das war damals sein allererster Titel
00:12:24: Stefan: und er bekam für den Sieg der Weltmeisterschaft 24.000 Pfund. Rechnen wir mal kurz nach. Der Koch verdient mit den neun Darts mehr als doppelt so viel wie der Mann, der die ganze WM holt. Es gibt in diesem Sport kaum ein schöneres Missverhältnis. Und 52.000 Pfund im Jahr 1990 für einen Mann, der unter der Woche am Herd steht, ist das nicht nur irgendwie 'ne kleine Prämie. Das ist schon ein neues Leben. Gleich ein Haus, ein paar Jahre Sicherheit, hingelegt in ein paar Sekunden, mit neun Darts, die einfach nur perfekt gesessen haben. Paul gewinnt an dem Abend übrigens auch das Match drei zu zwei und zieht ins Viertelfinale der BDO-WM ein. So weit ist er bisher noch nie gekommen und auch nie wieder danach. Dort ist dann Schluss. Klar und deutlich null zu vier gegen den Engländer Cliff Lazarenko.
00:13:21: Stefan: Aber das ist an dem Punkt fast egal. Der Mann hat schon das geworfen, wovon alle anderen ihr Leben lang träumen.
00:13:27: Stefan: Und hier wird die Geschichte leise. Wie viele Neun-Darter konnte er in all den Turnieren danach noch werfen? Und Paul Lim hat dazu gesagt, den Satz, der 'n bisschen wehtut, aber auch schön zugleich ist: „Keiner“, sagt er. „Das blieb mein einziger Neuner.“ Der Einzige in einem langen, langen Leben am Board. Und trotzdem oder gerade deswegen lässt ihn dieser eine Moment bis heute nicht los. „Die Leute posten den Wurf noch immer im Netz“, sagte Paul, „und manchmal schau ich ihn mir an, aber nicht dauernd.“ Viele Menschen erinnern sich an dieses eine Leg. Das ist ein Stück von dem, was ihn antreibt.
00:14:09: Stefan: Das ist die Geschichte, an die er sich immer gern zurückerinnert. Und genau diese Erinnerung, sagt er, will er am Leben erhalten. Ein Mann, der einmal etwas Vollkommenes geworfen hat und den Rest seines Lebens dafür sorgt, dass es nicht vergessen wird. Vier Jahre später, 1994, wechselt Paul den Verband. Es hatte sich nämlich was getan im Dartsport. Die besten Spieler hatten sich vom alten Verband BDO abgespalten und etwas Neues gegründet, die PDC. Das ist der Laden, der heute die großen Bühnen bespielt. Ally Pally, das Millionenpreisgeld, alles, was du heute im Fernsehen siehst. Paul geht mit zur PDC. Nur der ganz große Erfolg kommt nicht wieder. Er taucht auf bei der PDC-WM Jahr für Jahr, Jahrzehnt für Jahrzehnt und meistens ist früh Feierabend.
00:15:03: Stefan: Ein Satz hier gewonnen, ein Match da mal gewonnen. Die Welt wird schneller. Die jungen Kerle werfen Schnitte, von denen man in den 80ern nicht mal geträumt hatte.
00:15:13: Stefan: Und schau mal, gegen wen er da rausfliegt. Einmal fliegt er raus gegen Michael van Gerwen in seiner Prime, als er die b..., überragende Nummer eins der Welt ist. Paul Lim verliert gegen Gary Anderson, den zweifachen Weltmeister. Paul zieht mit Losglück immer wieder die ganz Großen und kommt trotzdem jedes einzelnen Jahr zurück.
00:15:33: Stefan: Ein Mann längst in den 60ern, der sich Kerle vornimmt, die halb so alt sind und doppelt so schnell werfen. Einmal 2017 im Ally Pally
00:15:43: Stefan: ist er sogar noch ganz nah dran am zweiten großen Moment. Acht perfekte Darts stehen im Board und der neunte, der zweite Neuner seines Lebens, geht haarscharf daneben. Da sagt er: „Das werde ich nie vergessen. Es wäre so unglaublich gewesen.“ Und Paul? Der könnte längst hauptberuflich Profi sein, wäre da nicht ein anderer Job. Denn Paul hat sich in Asien eine zweite Karriere aufgebaut, abseits des Rampenlichts. Er arbeitet für eine Firma, die E-Darts-Automaten herstellt, drüben in Asien, wo Soft Darts riesig ist. Er reist, er unterrichtet die Jungen, er baut den Sport dort mit auf. Ein gesichertes Einkommen und genau das, sagt er selbst, ist der Grund, warum er nie den Sprung zum vollen PDC-Profi wagt. Sein Job lässt ihm einfach keine Zeit.
00:16:37: Stefan: Ein Mann könnte da bitter werden. Der eine große Moment, 35 Jahre her und seitdem nur noch früh raus. Aber jetzt kommt der Teil der Geschichte, mit dem keiner gerechnet hat. Am allerwenigsten die jungen Profis, gegen die er antritt. [Musik] Zwei Gipfel in seiner Karriere, 35 Jahre auseinander.
00:17:03: Stefan: Aber fangen wir mit der Zahl 70 an. Mit 70 Jahren, im Winter 2024, steht Paul Lim wieder bei einer Weltmeisterschaft auf der Bühne.
00:17:13: Stefan: Diesmal ist es die WDF-Weltmeisterschaft. Und jetzt pass kurz auf, weil das leicht durcheinander geht. Der alte Verband, die BDO, die gab's ab 2020 nicht mehr.
00:17:25: Stefan: Den alten Saal im Lakeside Country Club bespielt heute ein anderer Verband, die WDF.
00:17:31: Stefan: Also nicht die große PDC, sondern die kleinere, traditionsreiche WM am alten Ort. Und dieser 70-Jährige wurde bei dem Buchmacher mit einer Quote von 150 zu eins geführt. Übersetzt heißt das, niemand glaubte daran, dass er hier irgendwie was reißen kann.
00:17:51: Stefan: Aber Paul marschiert durch das Turnier, als hätte ihm keiner die Spielregeln des Alters erklärt. Im Halbfinale trifft er auf einen Spieler namens Jason Brandon und Paul fegt ihn vom Board. Fünf zu null. Kein einziger Satz für den Gegner. Mit 70 steht Paul Lim im Finale einer Herrenweltmeisterschaft. Der älteste Mann, der das je geschafft hat.
00:18:16: Stefan: Das Finale verliert er dann drei zu sechs gegen den jungen Iren Shane McGuirk, der an dem Abend der erste irische Weltmeister seines Verbandes wird.
00:18:27: Stefan: Aber der ganze Saal ist da längst schon auf Pauls Seite. Eine volle Halle, die für einen 70-Jährigen aus Singapur anspringt, den vor dem Turnier kein Mensch auf dem Zettel hatte. Und selbst da war er vier zu null hinten,
00:18:42: Stefan: gibt er einfach nicht auf. Er holt noch mal drei Sets am Stück und bringt den Laden zum Beben, ehe der junge Ire endgültig zumacht. Die Presse nennt es ein Märchen und ausnahmsweise ist das Wort diesmal nicht zu groß.
00:18:59: Stefan: Aber der schönste Beleg für das, was Paul Lim ist, kommt gar nicht von ihm selbst. Kommt von einem seiner Gegner. Dafür spulen wir mal zurück wieder ins Jahr 2021. Hier sind wir wieder bei der PDC-WM im Ally Pally in der ersten Runde. Paul war damals 67 und spielt gegen einen jungen, damals noch übergewichtigen Engländer, den außerhalb der Dartszene nicht so viele auf dem Schirm hatten:
00:19:29: Stefan: Luke Humphries. Und Paul schlägt ihn drei zu zwei. Für den jungen Humphries ist das sein Tiefpunkt. Und Jahre später fällt ihm dazu einer der schönsten Sätze ein, die je ein Spieler über einen Gegner gesagt hat. Humphries sagte: „Fast möchte ich Paul für diese Niederlage danken. Sie hat mich als Spieler verändert und auch als Mensch.“ Drei Monate danach hat Luke Humphries richtig viel abgenommen und stand wenig später in seinem ersten großen Finale.
00:20:03: Stefan: Und dann läuft dieser Luke Humphries einfach los und wird Weltmeister
00:20:08: Stefan: und die Nummer eins der Welt. Der Mann, den ein 67-jähriger Koch mal eben aus dem Turnier geworfen hat.
00:20:16: Stefan: Womit wir wieder da wären, wo wir angefangen haben. Alexandra Palace, Dezember 2025.
00:20:24: Stefan: Der Saal singt wieder. Der Publikumsliebling, der 71-jährige Paul Lim, steht am Oche gegen einen Spieler namens Jeffrey de Graaf. Und Paul gewinnt drei zu eins in den Sätzen. Und damit wird er mit 71 der älteste Spieler, der je ein Match bei einer Weltmeisterschaft gewonnen hat. Der alte Rekord lag bei 67. Paul hat diesen Rekord pulverisiert. Es ist seine 27. WM-Teilnahme, 43 Jahre nach seinem allerersten Auftritt 1982. 43 Jahre. Manche Spieler im Feld waren da noch nicht mal geboren und bei dem einen oder anderen vielleicht sogar nicht mal die Eltern.
00:21:10: Stefan: Nach dem Sieg fragen sie ihn, wie er das macht. Und Paul sagt keinen großen Satz über Rekorde. Er sagt: „Zuallererst bin ich einfach dankbar, hier zu sein und dankbar für dieses Publikum hinter mir.“ So ein Moment, sagt er, ist der Grund, warum er all das die Jahre gemacht hat. Dieses Turnier, das ist der Super Bowl des Darts.
00:21:32: Stefan: Der Super Bowl des Darts und mittendrin ein 71-jähriger Koch aus Singapur, für den 4.000 Menschen seinen Namen brüllen.
00:21:41: Stefan: Aber in der nächsten Runde ist dann Schluss und ausgerechnet gegen Luke Humphries, den er einst geschlagen hat. Der Kreis schließt sich für Paul. Der Junge revanchiert sich. Vorher sagt aber Paul nur ganz kurz und auch ganz ruhig: „Ich gebe nie auf. Klar, Luke ist gut, aber schlagbar.“ Und wer an dem Tag am Ende gewonnen hat, ist eigentlich schon fast egal.
00:22:07: Stefan: Aber warum tut Paul das alles überhaupt noch mit 71?
00:22:12: Stefan: Er macht daraus keine große Sache. Er sagt: „Darts steckt mir im Blut. Ich rede darüber und werde schon richtig aufgeregt. Ich habe mein ganzes Leben mit Darts verbracht und meine besten Freunde durch Darts gefunden.“ Und auf die Frage, wann er aufhört, da sagt Paul: „Erst an dem Tag, an dem ihn das Spiel nicht mehr aufregt und er nicht mehr mithalten kann. Vorher nicht.“ Und es gibt noch einen Grund, warum er nicht loslässt. In Asien ist Paul Lim längst mehr als ein Spieler, der ab und zu nach England fliegt. Er ist der Mann, der den Sport dort mit aufbaute. Er reist durch den Kontinent, steht mit den Jüngsten am Board, zeigt ihnen, wie es geht.
00:22:53: Stefan: Er sagt selber: „Ich liebe es, den Jungen etwas beizubringen.“ Drüben in Asien ist das große Ding längst das elektronische Darts, Softdarts, Automaten, Plastikspitze statt Stahlspitze. Paul ist da mittendrin als Botschafter dieser Welt. Und trotzdem sagt er mit einem Zwinkern: „Am Ende bin ich eben doch ein Steeldart-Spieler.“ Der Mann mit den Stahlspitzen, der den Kindern die Automaten erklärt. Und jedes Mal, wenn er in den Ally Pally zurückkommt, ist das für ihn kein alter Hut, sondern aufs Neue der Traum eines jeden, der je einen Dart in der Hand gehalten hat. Zu Hause wartet Janet, seine Frau, eine Engländerin. Sie selbst spielt nicht. „Sie kann nicht verlieren“, sagt Paul und grinst dabei. „Das erlauben wir ihr erst gar nicht.“ Zwei Söhne haben die beiden großgezogen in Kalifornien.
00:23:45: Stefan: Und einer davon, Chris Lim, wirft heute selbst Darts professionell. Er trägt denselben Namen auf dem Rücken. Und das muss er sich aber auch sein ganzes Leben lang anhören. „Ach du, du bist der Sohn von Paul Lim.“ Manche Namen sind eben zu groß, dass man an ihnen vorbeikommt. [Gitarrenakkord] Geh noch mal zurück an den Anfang. Nicht zur Bühne, sondern in die Kneipe, zu dem jungen Koch, der nicht trinkt, der sich langweilt, während die anderen ihre Pints kippen.
00:24:20: Stefan: Der sich die Darts nimmt, die an der Wand hängen
00:24:23: Stefan: und der ein kleines Turnier gewinnt und als Preis eine Flasche Whisky bekommt, die er eigentlich gar nicht will.
00:24:30: Stefan: Er hat nie für den Preis gespielt, nicht für den Whisky, den er stehen ließ, nicht für die 52.000 Pfund, die ihm eines Tages in den Schoß fielen,
00:24:41: Stefan: nicht für die Rekorde.
00:24:43: Stefan: Er hat Dart gespielt, weil es für ihn das Einzigste war, was sich nie nach Arbeit angefühlt hat.
00:24:50: Stefan: Und darum ist da auch nichts, von dem er sich zur Ruhe setzen müsste. Man geht in Rente von einem Job. Von etwas, das man liebt, geht man nicht in Rente.
00:25:01: Stefan: Der 38-Jährige mit den neun perfekten Darts und der 71-Jährige, für den 4.000 Menschen singen, das ist derselbe Mann. Ein Koch, der auszog, um in einer Küche zu stehen und der stattdessen etwas Vollkommenes in die Welt geworfen hat. Genau ein einziges Mal. Und dann einfach nicht mehr aufhörte, es zu versuchen. [Musik] Das war die Geschichte von Paul Lim, dem Singapore Slinger, der Koch, der neun perfekte Darts warf und diesen Sport heute noch immer so sehr liebt. Wenn dir die Folge gefallen hat, dann lass mir gerne eine Fünf-Sterne-Bewertung da. Das hilft mir natürlich, noch mehr Menschen zu erreichen mit dem Podcast. Und wenn du Fragen hast oder selbst 'ne Geschichte kennst, die hierher gehört, dann schreib sie mir in die Kommentare. Oder komm einfach mal rüber auf meinem Instagram-Kanal „Das Leben ist eine Scheibe“. Dort tausche ich mich mit euch immer gerne aus über die aktuelle Folge und über alles, was noch kommt und über die Menschen hinter dem Mikro. Danke, dass du wieder dabei warst und hoffentlich auch wieder bei der nächsten Folge dabei bist. Und bis dahin, gut Darts. [Outro-Musik]
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