Raymond van Barneveld - Warum Siege nie genug waren

Shownotes

Raymond van Barneveld (geboren 1967 in Den Haag) ist fünffacher Dart-Weltmeister, der erste Niederländer, der den Titel holte, und der Mann, der Darts in den Niederlanden erst groß machte. Diese Folge erzählt, wie aus einem Postboten, der sich sein Leben lang für einen Versager hielt, eine Legende wurde, warum ihm all seine Siege nie genug waren und wie er nach dem tiefsten Sturz noch einmal aufstand.

Ihr habt noch Fragen zu Raymond van Barneveld, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über ihn, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram: Ich lese alles und antworte.

Diese Folge berührt Depression und seelische Tiefs. Wenn es dir selbst gerade schwer geht: Darüber zu reden ist keine Schwäche. Hilfe gibt es rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter 0800 1110111 (kostenlos und anonym).

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+++Quellen & zum Weiterlesen+++

Interviews & O-Töne von Raymond van Barneveld (u. a. das Genee-Interview bei nickmuller.nl sowie seine Aussagen bei Sky Sports) Wikipedia: Raymond van Barneveld sowie die PDC World Championship 2007 Sky Sports Darts, Sporting Life, PDC (pdc.tv) und dartsnews.com barney.nl, dartsnieuws.com, NOS und dutchnews.nl
  

Impressum

Transkript anzeigen

00:00:00: Wie des Öfteren beginne ich die Folge im Alexandra Palace in London.

00:00:06: Ein paar Tage vor Weihnachten 2019.

00:00:08: Erste Runde der PDC-Weltmeisterschaft und für einen Spieler ist es schon vorbei.

00:00:14: Ein Kamerateam schiebt sich durch den engen Flur hinter der Bühne.

00:00:19: In der Mitte ein Niederländer, zweiundfünfzig Jahre alt,

00:00:23: das Trikot noch etwas nass vom Schweiß.

00:00:26: Er hat gerade gegen einen Amerikaner verloren,

00:00:29: den vor diesem Abend kaum einer auf der Rechnung hatte. Er verliert eins zu drei.

00:00:35: Ein Reporter hält ihm direkt ein Mikrofon hin.

00:00:38: Und was jetzt kommt, ist keine typische Sportlerfloskel.

00:00:43: Kein Satz wie: „Es hat heute nicht sein sollen.“

00:00:46: Kein: „Ich greife nächstes Jahr wieder an.“ Er sagt: „Ich werde mir das nie verzeihen.

00:00:52: Niemals. Ich werde mich jeden einzelnen Tag dafür hassen.“

00:00:58: Und dann sagt er noch etwas leiser: „Was habe ich denn überhaupt erreicht? Nichts.

00:01:03: Rein gar nichts.“ Dabei ist dieser Niederländer fünffacher Weltmeister.

00:01:08: Er hat in zwei verschiedenen Verbänden ganz oben gestanden.

00:01:12: Er hat den besten Spieler, den dieser Sport je gesehen hat,

00:01:16: in einem der berühmtesten WM-Endspiele der Geschichte geschlagen.

00:01:20: Ein ganzes Land hat wegen ihm angefangen, Darts zu lieben und auch zu spielen.

00:01:25: Und trotzdem steht er in diesem Flur und sagt diese Worte im Interview.

00:01:30: Wie kommt einer, der praktisch alles gewonnen hat, zu der festen Überzeugung,

00:01:35: er tauge nichts? Diese Frage beantwortet sich nicht in diesem Abend im Ally Pally.

00:01:40: Sie führt vierzig Jahre zurück nach Den Haag zu einem Jungen,

00:01:44: der einen Nagel nicht in die Wand bekommt.

00:01:49: Willkommen bei „Das Leben ist eine Scheibe“,

00:01:58: der Podcast über die Menschen hinter dem Oche.

00:02:07: Ich bin Stefan und heute gehört diese ganze Folge Raymond van Barneveld.

00:02:22: [Musik]

00:02:24: Den Haag,

00:02:27: 20. April 1967.

00:02:31: Da kommt Raymond zur Welt. Große Stadt, ganz normale Verhältnisse.

00:02:36: Nichts, was auf ein späteres Leben in Arenen hindeutet.

00:02:40: Über seine Kindheit hat er als erwachsener Mann Dinge gesagt,

00:02:44: die man von einem fünffachen Weltmeister nicht erwartet.

00:02:48: Er hat sich immer wie ein Versager gefühlt, sagte er.

00:02:52: Alles, was er anfasste, sei ihm zerbröselt.

00:02:55: Nichts habe er beim ersten Mal richtig hinbekommen.

00:02:59: Es gibt dafür ein Bild, das er selbst erzählt.

00:03:03: Er besuchte als Junge so 'ne Art Schreinerschule und er schaffte es nicht,

00:03:08: einen Nagel gerade in die Wand zu schlagen.

00:03:11: Andere hämmern, der Nagel sitzt perfekt und gehen weiter zum Nächsten.

00:03:16: Bei ihm verbiegt sich das Ding oder er fällt raus und die alte Gewissheit meldet sich:

00:03:23: „Siehst du, du kannst es einfach nicht.“

00:03:26: Dazu kommt die Einsamkeit, denn Freunde hat er kaum welche.

00:03:30: Das, was Jugend ausmacht, zusammen abhängen, ins Kino gehen, voneinander lernen,

00:03:36: das zieht an ihm vorbei.

00:03:38: Er hat später gesagt: „Meine ganze Kindheit ist einfach an mir vorbeigezogen und nichts

00:03:44: hat je wirklich geklappt.“

00:03:47: Nach der Schule wird Raymond Postbote.

00:03:50: Er trägt in Den Haag die Briefe aus, Straße für Straße, Kasten für Kasten.

00:03:56: Ein solider Job, nichts Glamouröses. Und dann sind da diese Darts.

00:04:01: Angeblich drückt ihm sein Vater als Jugendlichen die ersten in die Hand.

00:04:06: Belegt ist das nur dünn, also lassen wir es dabei.

00:04:10: Sicher ist hingegen, hier an diesem Board passiert aber etwas,

00:04:14: das dem Jungen sonst nirgends passierte.

00:04:17: Seine Hände tun zum ersten Mal exakt das, was sie sollen. Immer wieder gleich.

00:04:23: Und darin steckt das ganze Geheimnis dieses Sports.

00:04:27: Es gibt keinen schönen und keinen hässlichen Wurf.

00:04:31: Es gibt nur eine Frage,

00:04:33: die immer wieder beantwortet werden muss: Machst du tausendmal dieselbe Bewegung?

00:04:39: Der Junge, der keinen Nagel in die Wand kriegt,

00:04:42: kann seine Wurfbewegungen immer wieder exakt reproduzieren. Er wirft und wirft.

00:04:48: Nach der Schicht, an freien Tagen,

00:04:52: an einem Board, das ihm nicht sagt, dass er nichts kann, das ihm nur zeigt,

00:04:58: wo die Darts stecken. Kein Lehrer, kein Chef, keine Mitschüler.

00:05:04: Nur eine Zahl und ein Feld und die Frage, ob er es noch einmal trifft.

00:05:10: Und er trifft es noch einmal.

00:05:12: 1984, mit siebzehn, tritt er zum ersten Mal offiziell an und gewinnt gleich ein Turnier,

00:05:19: die Rotterdam Open.

00:05:21: Von den kleinen Turnieren und Amateurligen arbeitet er sich hoch.

00:05:26: Er ist übrigens von Natur aus Linkshänder und wirft mit rechts,

00:05:31: als hätte selbst seine Wurfhand einen kleinen Eigensinn behalten.

00:05:36: Die Briefe trägt er weiter aus, noch jahrelang.

00:05:40: Den Postsack hängt er erst an den Nagel, als er etwas gewonnen hat,

00:05:45: das kein Niederländer vor ihm geschafft hatte.

00:05:48: [Gitarrenakkord]

00:05:50: Darts in den Neunzigern. Das ist ein englisches Spiel.

00:05:54: Die großen Turniere steigen in England,

00:05:57: die Stars sind Engländer und gewonnen wird- Von den Engländern.

00:06:02: Wer Kontinentaleuropäer ist und ganz nach oben will, spielt fast immer auswärts.

00:06:08: In fremden Hallen, vor fremdem Publikum gegen die Platzhirsche.

00:06:14: 1995 steht Raymond zum ersten Mal im Finale der BDO-Weltmeisterschaft im Lakeside Country

00:06:21: Club. Gegner ist der Waliser Richie Burnett.

00:06:26: Raymond verliert drei zu sechs in Sätzen.

00:06:29: Seine innere Stimme aus der Jugend braucht solche Abende. Sie lebt von ihnen.

00:06:35: Drei Jahre später, 1998, dasselbe Finale, derselbe Gegner.

00:06:40: Burnett gegen van Barneveld, die Neuauflage.

00:06:43: Und dieses Mal ist es kein Auswärtsspiel, das nach Plan verläuft. Es ist eine Schlacht.

00:06:50: Satz um Satz. Keiner setzt sich ab.

00:06:53: Das Ding kippt hin und her, bis es tatsächlich im letzten, im Entscheidungssatz steht.

00:06:59: Wer diesen holt, ist Weltmeister. Und Barney holt ihn sich. Er gewinnt sechs zu fünf.

00:07:06: Wahre Kenner und Fans des Sports zählen dieses Endspiel bis heute zu den besten,

00:07:12: die es in Lakeside je gab. Für Raymond ist es mehr als ein Titel.

00:07:17: Es ist die Rache für 1995 gegen exakt den Mann,

00:07:21: der ihn drei Jahre vorher stehen gelassen hatte.

00:07:26: Und es ist der erste Beweis, den er in den Händen hält, gegen die Stimme in seinem Kopf.

00:07:32: Der erste Nicht-Brite, der die BDO-WM gewonnen hat. Der erste Niederländer überhaupt.

00:07:38: Zu Hause verändert dieser eine Titel alles.

00:07:41: In den Niederlanden war Darts bis dahin eine Kneipensache.

00:07:45: Belächelt, etwas für verrauchte Hinterzimmer.

00:07:50: Jetzt hat das Land einen eigenen Weltmeister, einen Postboten von nebenan,

00:07:55: der auszog und die Engländer in ihrem eigenen Spiel schlug.

00:07:59: Zeitungen, die vorher nie eine Zeile über Darts gedruckt hätten,

00:08:03: drucken plötzlich sein Gesicht.

00:08:06: Kinder, die noch nie ein Board gesehen oder Pfeile in der Hand gehabt haben,

00:08:11: wollen werfen wie Barney.

00:08:13: Der Staat ernennt ihn noch im selben Jahr zum Ritter im Orden von Oranien-Nassau.

00:08:18: Ein Briefträger geadelt.

00:08:21: 1999 macht er es noch einmal.

00:08:23: Wieder Lakeside, wieder Finale, wieder bis zum bitteren Ende.

00:08:29: Sechs zu fünf gegen Ronnie Baxter. Damit verteidigt Barney den Titel erfolgreich.

00:08:36: Und das hatte vor ihm nur ein Einziger geschafft: Eric Bristow.

00:08:41: Es folgen der dritte BDO-Titel 2003 und der vierte 2005.

00:08:47: Und die Niederlande dreht komplett durch.

00:08:51: Sie lieben ihren Barney.

00:08:52: Sie gründen die Barney Army, die ihm hinterherreist, Fahnen, Gesänge,

00:08:57: schon ein bisschen wie Ultras beim Fußball.

00:09:00: Er läuft ein zu Eye of the Tiger und ganze Hallen brüllen mit.

00:09:06: Später wird man sagen, dass Darts in den Niederlanden groß geworden ist,

00:09:11: dass da ein Michael van Gerwen nachkommen konnte. Das alles hat mit Raymond angefangen.

00:09:17: Sie tauften ihn den People's Champion,

00:09:20: den Champion des Volkes.

00:09:23: Hier müsste die Geschichte eigentlich hell sein, ist sie aber nicht ganz.

00:09:27: Denn die Liebe von außen erreicht innen nicht das, was sie erreichen müsste.

00:09:33: Raymond hat es einmal beschrieben, wie sich für ihn eine Niederlage anfühlt.

00:09:38: Nicht Ärger, nicht Enttäuschung.

00:09:40: Er sagt: „Wenn ich bei einer WM verliere, fühlt es sich an,

00:09:44: als wäre ein geliebter Mensch gestorben.“ So tief geht das bei ihm.

00:09:50: Ein Sieg beweist ihm für ein paar Stunden, dass er doch etwas wert ist.

00:09:54: Eine Niederlage beweist ihm das, was er ohnehin die ganze Zeit vermutet.

00:10:00: Ein Volk trägt ihn auf Händen.

00:10:02: Der Junge in seinem Kopf hört trotzdem zu, was die Stimme sagt.

00:10:07: Und dann, Anfang 2006, passiert etwas, das genau diese Stimme füttert.

00:10:12: Bei der BDO-WM in Lakeside steht Barney wieder im Finale.

00:10:17: Aber gegenüber steht kein alter Rivale, sondern ein 21-jähriger Landsmann, Jelle Klaasen.

00:10:23: Ein Junge, der zu Barneys Generation aufgeschaut hat.

00:10:27: Und der Junge gewinnt sieben zu fünf.

00:10:30: Der König des niederländischen Darts wird von seinem eigenen Nachwuchs entthront auf der

00:10:37: Bühne, die ihm gehörte. Für die meisten wäre das ein Grund, kürzer zu treten.

00:10:42: Bei Raymond löst es das Gegenteil aus.

00:10:46: 2006 fasst einer der erfolgreichsten BDO-Spieler einen Entschluss, den ein Mensch,

00:10:54: der auf Sicherheit spielt, nie fassen würde. Er verlässt den Thron, freiwillig.

00:11:01: Warum einer alles aufgibt, was er sich aufgebaut hat? Bleibt dran. Gleich geht's los.

00:11:08: [Musik]

00:11:09: Februar 2006.

00:11:11: Raymond van Barneveld gibt bekannt, dass er die BDO verlässt und zur PDC wechselt.

00:11:18: Zum anderen größeren, härteren Verband. In der BDO ist er König.

00:11:22: In der PDC ist er ein Neuling unter Wölfen.

00:11:27: Aber warum tut einer das?

00:11:29: Seine Antwort ist im Grunde eine einzige: Weil dort Phil Taylor spielt.

00:11:34: Taylor, der Beste, den es je gab. Damals längst eine eigene Kategorie für sich.

00:11:40: Wer sich in diesen Jahren mit Taylor messen wollte, musste in die PDC.

00:11:45: Raymond will nicht der König eines kleiner werdenden Reichs sein.

00:11:50: Er will sich am härtesten Maßstab prüfen, den der Sport hat.

00:11:54: Jede Woche, nicht nur einmal im Jahr.

00:11:58: Man kann darin den Mut sehen.

00:12:00: Man kann darin auch den Jungen sehen, der sich endlich beweisen will,

00:12:05: dass er kein Versager ist. Der Wechsel zahlt sich schnell aus.

00:12:09: Noch im ersten Jahr wirft er im Fernsehen einen Neun Darter.

00:12:13: Neun Darts, ein perfektes Leg. Das Höchste, was dieses Spiel kennt.

00:12:18: Er gewinnt die UK Open, ein Major-Turnier.

00:12:21: Und binnen zwölf Monaten arbeitet er sich in der PDC Order of Merit bis auf Platz zwei

00:12:26: der Welt heran. Der Neuling unter den Wölfen läuft nicht mit.

00:12:31: Er greift nach dem Rudelführer.

00:12:34: Und dann kommt der 1. Januar 2007. Die Circus Tavern in Purfleet.

00:12:39: Ein niedriger Saal, Bier auf den Tischen, das Publikum zum Greifen nah.

00:12:45: Finale der PDC-Weltmeisterschaft. Van Barneveld gegen Phil Taylor.

00:12:52: Man muss wissen, was das bedeutet, um an diesem Ort gegen diesen Mann anzutreten.

00:12:58: Taylor hat in der Circus Tavern seit 21 Spielen nicht mehr verloren.

00:13:02: Er ist seit drei Jahren ununterbrochen Weltmeister.

00:13:05: Hier zu gewinnen, gilt als unmöglich und gegen ihn erst recht.

00:13:11: Es geht um 100.000 Pfund und um den größten Titel dieses Sports.

00:13:15: Und die halbe Halle rechnet mit einer weiteren Krönung des amtierenden Königs.

00:13:21: Das war so ein Finale, wo man sich heute noch genau erinnern kann, wo man es geschaut hat.

00:13:26: Ich kann mich zumindest sehr genau daran erinnern,

00:13:29: als ich im Alter von 22 Jahren bei meinem Schwiegervater auf der Couch saß und dieses

00:13:34: Spiel gesehen habe.

00:13:36: Aber gehen wir rein in dieses Finale. Der Anfang gibt den Erwartungen der Zuschauer recht.

00:13:42: Der Anfang ist eine Demütigung. Taylor zieht davon. Satz um Satz.

00:13:47: Eins null, zwei null, drei null.

00:13:49: Es riecht nach einem der schnellsten Endspiele aller Zeiten, nach einer Lehrstunde.

00:13:55: Barney ist drauf und dran, auf der größten Bühne seines neuen Lebens vorgeführt zu werden.

00:14:01: Und jetzt lohnt es sich, langsam zu machen.

00:14:04: Denn was jetzt kommt, erzählt man sich bis heute. Barney holt einen Satz, dann noch einen.

00:14:11: Drei zu zwei.

00:14:12: Er findet endlich die Doppel, er findet seinen Rhythmus und die Halle merkt,

00:14:17: dass hier was kippt.

00:14:20: Aus einem Publikum, das eine Krönung sehen wollte, wird eine Menge,

00:14:24: die eine Sensation riecht. Die fangen an, für den Außenseiter zu brüllen.

00:14:29: Und Taylor, der sonst unbeeindruckt bleibt,

00:14:32: spürt zum ersten Mal an diesem Abend Gegenwehr, die nicht abreißt. Es geht hin und her.

00:14:38: Satz gegen Satz. Keiner lässt mehr los. Vier zu vier, fünf zu fünf, sechs zu sechs.

00:14:44: Alles an diesem Abend hängt jetzt an einem einzigen Satz.

00:14:48: Und der geht selbst wieder bis zum Anschlag. Fünf zu fünf in den Legs.

00:14:54: Ein letztes Leg entscheidet über die Weltmeisterschaft. Sudden Death. Aber halt.

00:15:00: Vorher passiert noch das, was diesem Match sein Herz gibt.

00:15:04: Barney steht kurz vor dem Titel. Er hat einen Finish von 120.

00:15:09: Er arbeitet es sich zurecht, also trifft die Single 20, trifft das Triple,

00:15:14: trifft die Triple 20, bis nur noch Tops übrig bleibt.

00:15:18: Ein Dart und er ist Weltmeister. Er verfehlt den ersten Match-Dart.

00:15:24: Und dann kommt der Moment, den ich bis heute nicht vergessen habe.

00:15:27: Beim Stand von drei zu zwei in den Legs im letzten Satz.

00:15:31: Mittlerweile sind wir schon angekommen bei der Two-Clear-Leg-Regel.

00:15:35: Und in diesem sechsten Leg hat Barney noch mal drei Frische auf Tops für den Titel.

00:15:42: Der erste segelt richtig schön drüber, viel zu hoch.

00:15:48: Der zweite landet in der Single 20. Jetzt hat er nur noch einen Dart auf die Doppel zehn.

00:15:54: Und auch der dritte, der Dart, mit dem er Weltmeister werden könnte, geht daneben.

00:16:00: Vier Darts auf die Weltmeisterschaft und viermal daneben.

00:16:03: Und Taylor, der alte Killer,

00:16:05: bestraft jeden einzelnen Fehler knallhart und erzwingt dieses Sudden-Death-Leg.

00:16:12: Nämlich da ist sie wieder, die Stimme. Der perfekte Moment für sie.

00:16:16: Der Junge, der im entscheidenden Augenblick alles verwirft.

00:16:21: Aber gehen wir rein. Das Ausbullen gewinnt Barney und er beginnt das Leg mit einer 100.

00:16:27: Taylor startet perfekt mit einer 180. Das Maximum. Natürlich.

00:16:32: Barney antwortet auch mit einer 180. Kein Zittern.

00:16:36: Er spielt sich herunter,

00:16:38: Aufnahme für Aufnahme und nach zwölf Darts lässt er sich wieder top stehen.

00:16:44: Der Schuss auf den Titel. Jetzt zählt nur noch eins: Taylor muss checken.

00:16:50: Er braucht 148, um Barney alles zu nehmen, aber Taylor schafft es nicht.

00:16:56: Der Wurf gehört Raymond. Ein Dart, Doppel 20. Der erste sitzt sofort.

00:17:01: Raymond van Barneveld ist Weltmeister, zum fünften Mal insgesamt.

00:17:05: Zum ersten Mal in der PDC und er hat dafür den größten aller Zeiten geschlagen.

00:17:11: Im letzten Leg aus einem null zu drei Rückstand heraus.

00:17:15: Taylor, der sonst nicht für Demut bekannt ist,

00:17:18: wird dieses Finale später als das Beste nennen, an dem er je beteiligt war.

00:17:23: Mit diesem fünften Titel zieht Raymond mit einem Rekord gleich,

00:17:28: der bis dahin nur einem gehörte: Eric Bristow, fünfmal Weltmeister.

00:17:32: Der Postbote aus Den Haag steht jetzt in derselben Zeile wie die Legenden,

00:17:37: denen er als Junge zugeschaut hatte.

00:17:39: In den Niederlanden bleiben in dieser Neujahrsnacht die Fernseher an,

00:17:44: bis tief in den Morgen.

00:17:46: Sie feiern nicht nur einen Sieg, sie feiern,

00:17:49: dass ihr Barney den Unbezwingbaren bezwungen hat. Und Raymond selbst?

00:17:53: Für ein paar Stunden glaubt er sich.

00:17:56: Für ein paar Stunden ist er genau der, für den ihn alle halten.

00:18:00: Für eine Nacht ist diese Stimme still,

00:18:03: aber nur für eine Nacht.

00:18:05: [Outro-Musik]

00:18:09: Der Körper meldet sich zuerst.

00:18:12: 2009 sitzt Raymond bei einem Turnier und erfährt eine Diagnose,

00:18:16: die für einen normalen Menschen unangenehm ist und für einen Dart-Profi ein Angriff auf

00:18:23: sein komplettes Handwerk: Diabetes Typ zwei.

00:18:26: Er hat es später nüchtern beschrieben: Steigt der Zuckerspiegel,

00:18:30: wird die Sicht verschwommen. Er schwitzt und er ist dauernd müde.

00:18:35: Und die Finger, die werden kalt und fangen an zu kribbeln. Ausgerechnet die Finger.

00:18:41: Alles in diesem Sport hängt an ihnen.

00:18:44: In der Feinmotorik am immer gleichen sauberen Loslassen.

00:18:48: Die Hände, die den Jungen von damals als Einzige nie den Dienst versagt hatten,

00:18:54: werden jetzt zur Baustelle.

00:18:57: Ab 2015 steht er mit Brille auf der Bühne, weil die Diabetes ihm die Schärfe nimmt.

00:19:02: Und von jetzt an spielt bei jedem Match ein Gegner mit, den keine Kamera zeigt.

00:19:08: Vor einem Spiel, oft irgendwo in England, muss Raymond aufpassen, was er essen darf.

00:19:14: Das Falsche und der Zucker schießt hoch.

00:19:16: Die Sicht wird milchig, der Schweiß kommt,

00:19:19: die Finger werden kalt und fangen an zu kribbeln.

00:19:22: Ausgerechnet die Finger, die alles zusammenhalten müssen.

00:19:26: Ja, und das nagt natürlich auch ein bisschen,

00:19:29: wenn das alles nicht mehr verlässlich funktioniert.

00:19:34: Der Körper ist das eine.

00:19:36: Das andere kommt aus der Richtung, die man nie ganz absichern kann.

00:19:41: Über Jahre schleicht sich etwas ein, für das er lange kein Wort in der Öffentlichkeit hat.

00:19:47: Schon 2014 macht er eine Therapie.

00:19:50: Offiziell wegen der Monotonie des ewigen Reisens: Hotel, Halle, Auto, Hotel.

00:19:56: Später nennt er es beim Namen: Depression.

00:20:00: Rückblickend spricht er von Jahren, in denen es ihn begleitet.

00:20:04: Und hier liegt das Grausame an seiner Geschichte dicht beieinander.

00:20:09: Ausgerechnet in diesem Jahr 2014, in dem er in Therapie ist,

00:20:13: gelingt ihm noch einmal etwas Großes.

00:20:16: Er gewinnt die Premier League und schlägt auf dem Weg dorthin Phil Taylor zum ersten Mal

00:20:23: überhaupt in diesem Turnier.

00:20:25: Fast ein Jahrzehnt lang hat er dort gegen ihn verloren, ein ums andere Mal.

00:20:30: Jetzt endlich der Sieg.

00:20:33: Und am selben Abend bezwingt er im Finale den Jungen van Gerwen.

00:20:38: Es ist ein letztes helles Auflodern.

00:20:40: Aber die Titel werden seltener, die Niederlagen häufiger.

00:20:46: Die nächsten drängen nach.

00:20:47: Allen voran Michael van Gerwen, sein Landsmann, sein Doppelpartner und zugleich der,

00:20:53: der ihm immer öfter die großen Abende wegnimmt.

00:20:57: Und mit jeder Niederlage wird die alte Rechnung wieder aufgemacht.

00:21:01: Irgendwann sagt er einen Satz, der wehtut, weil er so ehrlich ist.

00:21:07: Ob ihm Darts überhaupt noch Spaß macht? „Nein“, sagt er, „schon lange nicht mehr.“

00:21:13: Er spiele nur noch, um ein paar Cent zu verdienen.

00:21:17: Der Sport, der dem Jungen einst das Einzige gegeben hatte, das er konnte,

00:21:22: ist nun zur Last geworden. Dann kommen die Schläge dichter.

00:21:26: Im Sommer 2018 überfallen drei Männer sein Haus.

00:21:30: Seine Frau ist allein zu Hause und wird bedrängt. Sie flieht und bleibt leicht verletzt.

00:21:36: Raymond ist beruflich in England, wird nachts von der Polizei aus dem Schlaf geklingelt.

00:21:44: Anfang 2019 zerbricht seine Ehe nach 25 Jahren und auf der Bühne verliert er jetzt öfter,

00:21:50: als er gewinnt.

00:21:51: Gegen Jüngere, gegen die nächste Generation, gegen seinen eigenen Anspruch.

00:21:56: Er kündigt an, dass er aufhören will.

00:21:59: Nach einer eins zu sieben Klatsche in der Premier League tritt er sogar sofort zurück,

00:22:05: mitten in der Nacht, und nimmt es am nächsten Morgen wieder zurück.

00:22:11: Er will einen würdigen Abschied, einen letzten schönen Auftritt im Ally Pally,

00:22:15: wo ihn das Publikum liebt.

00:22:18: Und damit sind wir zurück in diesen Flur vom Anfang.

00:22:22: Dezember 2019, erste Runde, eins zu drei Niederlage gegen Darin Young.

00:22:29: Der Abschied, den er sich erträumt hatte, findet leider nicht statt.

00:22:34: Stattdessen die Sätze,

00:22:36: mit denen diese Folge begonnen hat: „Ich werde mich jeden Tag hassen.

00:22:41: Was habe ich eigentlich erreicht? Nichts.“

00:22:44: Raymond hat später erzählt, wie es danach weiterging.

00:22:48: Und das gehört zu dieser Geschichte, so unbequem es ist.

00:22:52: Er sei drei, vier Monate lang depressiv gewesen.

00:22:55: Er habe keinen Dart mehr sehen können, keinen mehr in die Hand nehmen können.

00:23:01: So satt hatte er alles.

00:23:02: Und in den dunkelsten Wochen, hat er offen gemacht, kamen Gedanken,

00:23:07: die er sich vorher nie erlaubt hätte, dass das Leben keinen Sinn mehr habe,

00:23:13: dass er sich selbst nie würde lieben können.

00:23:16: Man muss das genauso behutsam sagen, wie es ist.

00:23:19: Da ist ein Mensch, der äußerlich alles hatte: Titel, Ruhm, die Liebe eines ganzen Landes

00:23:27: und der innerlich am Nullpunkt ankommt.

00:23:30: Es ist kein Zufall, dass das ausgerechnet ihn trifft.

00:23:34: Die Stimme aus seiner Jugend hat nie aufgehört zu flüstern.

00:23:38: Solange Siege dagegen hielten, blieb sie leise.

00:23:43: Aber als auch diese Siege weg waren, hatte sie das letzte Wort.

00:23:48: Er selbst hat es hinterher eingeordnet,

00:23:51: ohne sich herauszureden: „Ich war völlig depressiv und fiel auseinander.

00:23:56: Da sagt man dumme Dinge.

00:23:58: Es war keine Pose. Es war der tiefste Punkt.“

00:24:03: [Gitarrenakkord]

00:24:04: Was einen Menschen aus so einem Loch zieht, ist selten das Große. Oft ist es das Kleine.

00:24:13: Bei Raymond ist es ein Bildschirm.

00:24:17: 2020. Die Welt steht wegen der Pandemie still.

00:24:20: Hallen sind geschlossen, Touren sind abgesagt.

00:24:24: Und irgendwann setzt er sich hin und spielt online.

00:24:28: Gegen irgendwen, gegen die ganze Welt, heraus aus seinem eigenen Zimmer.

00:24:33: Kein Publikum, kein Titel, keine Erwartungen.

00:24:37: Nur er, ein Board und diese eine Bewegung, die seine Hände seit über 30 Jahren können.

00:24:43: Und da kommt etwas zurück, das er verloren glaubt hatte. Nicht der Ehrgeiz, die Freude.

00:24:50: Sein früherer Manager bietet ihm einen Weg zurück an.

00:24:54: Raymond, der als fünffacher Weltmeister nie im Leben durch die Hintertür musste,

00:25:00: meldet sich zur Q School, dem Qualifikationsturnier,

00:25:04: an dem sich noch Namenlose und Hoffnungsvolle um eine Startberechtigung prügeln.

00:25:10: Der einzige Weltranglisten-Erste ganz unten in der Schlange, neben Teenagern,

00:25:16: die ihn von Postern kannten.

00:25:19: Und er kämpft sich durch. 14 Monate nach seinem Rücktritt hat er seinen Tour Card zurück.

00:25:25: Über diese Woche hat er einen Satz gesagt, der alles trägt: „Es fühle sich großartig an“,

00:25:32: sagte er. „Wie das Ende der Hölle.“ Und es bleibt nicht bei der Rückkehr allein.

00:25:38: Nur Tage nach der wiedergewonnenen Startberechtigung gewinnt er ein Profiturnier,

00:25:44: sein erstes seit dem Comeback.

00:25:46: Jahre später, 2024, holt er wieder einen Titel auf der Tour.

00:25:51: Keine Weltmeisterschaften, keine großen Bühnen mit Millionenpublikum, aber Beweise,

00:25:58: dass die Hände es immer noch können, dass eine reproduzierbare Bewegung,

00:26:03: die dem Jungen von damals als Einziges nie misslungen ist und dass die Halle ihn noch

00:26:10: immer liebt. Sein Walk-on „Eye of the Tiger“ bringt Arenen zum Kochen wie eh und je.

00:26:16: Der People's Champion ist zurück. Älter, versehrt, aber da.

00:26:21: Es wird danach keine sechste Weltmeisterschaft mehr.

00:26:26: Der Weg zurück ist steinig. Der Körper macht seine eigenen Ansagen.

00:26:31: 2021 bricht er bei einem Turnier zusammen, steht auf und kippt wieder um.

00:26:36: Sie behandeln ihn.

00:26:37: Er kommt glimpflich davon und meldet sich am nächsten Tag selbst zu Wort: „Mir geht es

00:26:44: gut. Besser als gestern.“ Es ist aber nur noch der halbe Barney, der da zurückkommt.

00:26:50: Manchmal nur der halbe, aber er kommt.

00:26:53: Und das ist vielleicht das Eigentliche an dieser Geschichte.

00:26:58: Nicht die fünf Titel, nicht das Wunder von 2007, sondern dass ein Mensch,

00:27:03: der sich sein ganzes Leben lang für einen Versager gehalten hat,

00:27:08: nach dem tiefsten Sturz noch einmal aufsteht und weitermacht.

00:27:12: Nicht weil eine Stimme in ihm es endlich für gut befunden hätte, sondern ihr zum Trotz.

00:27:19: [Musik]

00:27:20: Was bleibt von Raymond van Barneveld? Für mich ist es der Abstand zwischen zwei Bildern.

00:27:26: Das eine Bild ist die Halle,

00:27:28: die voll ist und seinen Walk-on-Song „Eye of the Tiger“ mitbrüllt, seinen Namen ruft.

00:27:35: Ein ganzes Land, das ihn liebt.

00:27:37: Das andere Bild ist der Junge,

00:27:41: der einen Nagel nicht in die Wand kriegt und daraus für den Rest seines Lebens den

00:27:46: Schluss zieht, er sei zu nichts zu gebrauchen.

00:27:49: Dass beide dieselbe Person sind, hat man ihm von außen nie angesehen.

00:27:55: Er hat den einen mit sich herumgetragen, während der andere Weltmeister wurde.

00:28:00: Und dass er nach allem noch da ist, noch spielt, noch weitermacht, das ist kein Titel.

00:28:07: Aber vielleicht ist es der schwerste Sieg, den er je geholt hat.

00:28:12: Der Junge bekommt seinen Nagel bis heute nicht perfekt in die Wand,

00:28:18: aber der Mann steht trotzdem wieder am Oche.

00:28:21: [Outro-Musik]

00:28:22: Das war die bewegende Geschichte von Raymond van Barneveld.

00:28:27: Und bevor ich Schluss mache, noch mal vielen Dank,

00:28:31: dass ihr wieder zugehört habt heute und hoffe, es hat euch gefallen.

00:28:36: Und ich freu mich natürlich, wenn ihr hier 'ne gute Bewertung dalasst, ähm,

00:28:42: von dem Podcast und, äh, ja, in den Kommentaren noch 'n bisschen mitdiskutiert.

00:28:50: Schaut auch gern noch mal bei Instagram vorbei auf meinem Kanal „Das Leben ist eine

00:28:55: Scheibe“.

00:28:56: Und was ich gern noch loswerden will, äh,

00:28:59: wenn euch das Thema hinter dieser Folge nahegeht: Über seelische Tiefs zu reden,

00:29:04: ist keine Schwäche. Wer nicht mehr weiter weiß, findet Hilfe.

00:29:09: In Deutschland zum Beispiel rund um die Uhr bei der Telefonseelsorge unter der 0800

00:29:14: 1110111.

00:29:16: Ich danke euch auf jeden Fall, dass ihr heute zugehört habt und hoffe,

00:29:27: ihr seid bei der nächsten Folge wieder dabei. Bis dahin wünsche ich euch allen gut Darts.

00:29:42: [Outro-Musik]

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