Eric Bristow - „Ich habe ein Monster geschaffen"
Shownotes
Eric Bristow (1957–2018), „The Crafty Cockney”, war der erste echte Superstar des Darts: fünffacher Weltmeister, jahrelang die unangefochtene Nummer eins und der Mann, der das Kneipenspiel zum TV-Spektakel machte. Diese Folge erzählt, wie aus einem Jungen aus dem Londoner East End eine Legende wurde, warum ausgerechnet seine Wurfhand ihn im Zenit verriet und wie er mit eigenem Geld den Mann aufbaute, der ihn am Ende vom Thron stieß: Phil Taylor.
Ihr habt noch Fragen zu Eric Bristow, seht etwas anders oder kennt eine Geschichte über ihn, die hier nicht vorkam? Schreibt es in die Kommentare oder auf Instagram: Ich lese alles und antworte.
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Wikipedia: Eric Bristow sowie die BDO World Darts Championships 1980, 1989, 1990 und 1991 Eric Bristows Autobiografie „The Crafty Cockney” PDC (pdc.tv), Sky Sports, Sporting Life und dartsnews.com The Guardian, Irish Times, BBC Sport und The Week lakesideworlddarts.co.uk, dartsworld.com und patrickchaplin.com
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00:00:00: Stefan: Schweden, November 1986. Ein kleines Turnier, das heute keiner mehr auf dem Schirm hat.
00:00:07: Stefan: Ein Engländer geht ans Oche, 29 Jahre alt, amtierender Weltmeister. Und er hat diesen Titel nicht nur einmal geholt, sondern fünfmal. Das hatte vor ihm keiner geschafft. Er hebt den Arm. Diese Bewegung sitzt. Hunderttausendmal gemacht, blind, im Schlaf. Sie ist das Verlässlichste in seinem ganzen Leben. Arm zurück, Arm nach vorn, Finger auf und wieder Arm zurück, Arm nach vorn. Und dieses Mal gehen die Finger nicht auf. Kein Schmerz, kein Krampf, nichts, was je ein Arzt finden wird. Die Hand hält den Dart einfach fest. Er steht da vor Publikum, den Dart zwischen Daumen und Zeigefinger und er kriegt ihn einfach nicht raus. Er setzt neu an, wieder dasselbe. Und jetzt kommt das Seltsame an diesem Abend. Dieser Mann wird danach noch dreimal in einem WM-Finale stehen. Keins davon gewinnt er. Und der Gegner, der ihn in einem dieser Finals auseinandernimmt, den hat er selbst bezahlt. Jeden Flug, jedes Startgeld aus der eigenen Tasche. Aber bis dahin ist es noch ein weiter Weg.
00:01:25: Stefan: Willkommen bei „Das Leben ist eine Scheibe“, der Podcast über die Menschen hinter dem Oche. Ich bin Stefan und heute gehört die ganze Folge Eric Bristow. [Intro spielt] Fangen wir ganz vorn an. Eric Bristow kommt am 25. April 1957 in Hackney zur Welt, im Osten von London. Nicht das Hackney von heute mit den Kaffeeröstereien und den Lastenrädern. Das Hackney von damals: enge Reihenhäuser, harte Arbeit und für die meisten wenig Geld. Der Vater ist Gipser, die Mutter Telefonistin. So steht es jedenfalls in der einen Quelle, die darüber überhaupt was schreibt. Aufgewachsen ist Eric ein paar Straßen weiter in Stoke Newington. Ein Einzelkind, kein Bruder, keine Schwester. Das sagte er jedenfalls. Später, mit 45, erfährt Eric, dass er einen Halbbruder hat, Kevin. Den hat's die ganze Zeit gegeben. Man hat es ihm aber nie gesagt.
00:02:52: Stefan: Und dumm war der junge Bristow nicht. Er besteht den Eleven Plus. So heißt in England die Prüfung, die man mit elf Jahren macht und die darüber entscheidet, ob ein Kind auf die bessere Schule durfte oder nicht. Eric darf. Grammar School, Hackney Downs.
00:03:09: Stefan: Die Tür nach draußen steht weit offen, aber mit 14 fliegt er von der Schule. Er hatte einen Klauenhammer dabei. Das ist so ein Ding mit der gespaltenen Klaue hinten zum Nägel ziehen. Warum er den in der Hose trug, hat er später selbst erzählt, wegen der Banden im Viertel. Er wollte nicht der sein, der mit leeren Händen dasteht. Über diese Jahre schreibt Bristow in seiner Autobiografie erstaunlich offen und man muss dazu sagen, das ist seine Version. Nachgeprüft hat das zumindest keiner. Er nennt sich und seine Kumpels Diebe. Keine besonders schlimmen, findet er. Sie hätten keine Wohnungen auseinandergenommen und niemandem wehgetan. Aber er schreibt auch, wo es geendet hätte, wenn nichts dazwischen gekommen wäre. Wahrscheinlich bei Ladendiebstahl und Einbrüche. Und irgendwann einer, der sich wehrt und zurückschlägt.
00:04:01: Stefan: Dazwischen kam zum Glück das Dartboard. Mit 15 hat er seinen ersten Job. Korrekturleser in einer Werbeagentur in der City für zwölf Pfund die Woche. Er sitzt da und sucht Kommafehler in Anzeigentexten. An den Wochenenden fährt er zu Turnieren. Für einen Sieg gibt es dort 50 Pfund. Manchmal spielt er zwei Turniere oder auch drei an einem Wochenende. Rechnet das mal kurz mit. Zwölf Pfund für eine ganze Woche im Büro. 50 Pfund für einen Nachmittag mit drei Darts in der Hand. Die Konsequenz: Mit 16 kündigt er.
00:04:37: Stefan: Das klingt nach dem mutigen Sprung eines Träumers, war es aber nicht. Es war die nüchternste Rechnung seines Lebens, aufgestellt von einem Jugendlichen, der schon wusste, was gewinnen wert ist und was verlieren kostet. Bristow hat Darts nie wirklich so geliebt wie ein Hobby. Er hat gewonnen und Gewinnen wurde bezahlt. [Musik] Um zu verstehen, was aus diesem Jungen wird, muss man kurz wissen, was in diesen Jahren mit dem Darts passiert. Ende der 70er entdeckt das britische Fernsehen das Spiel. 1978 wird zum ersten Mal ein Weltmeister ausgespielt
00:05:15: Stefan: und auf einmal läuft dieses Kneipending zur besten Sendezeit. Es gibt sogar eine eigene Spielshow namens „Bullseye“, die das halbe Land guckt. Die Spieler stehen eine Armlänge vom Publikum entfernt, Bier auf den Tischen, Qualm bis unter die Decke und Millionen schauen zu. Mitten in diesem Boom platzt ein dürrer Kerl aus Hackney, Anfang 20. Er hat es später selbst am besten gesagt, er sei ein Freak gewesen. Ein Spiel für alte Männer und dann kommt dieses Kind und fegt sie alle vom Board. Weltmeisterschaft 1980, die der BDO, den damals großen Verband. Bristow ist 22. Im Finale steht ihm Bobby George gegenüber. Der ist euch natürlich aus seiner eigenen Folge längst vertraut. Der Showman des Sports, Umhang und Kerzenleuchter beim Einlauf und derselbe, der später Jocky Wilson zum Profi überredet. An diesem Abend liefern sich die beiden ein Finale, das in Erinnerung bleibt. 5:3 gewinnt Bristow. Sein erster Titel mit 22. Bobby George hat Jahre danach darüber gesprochen, ohne Bitterkeit.
00:06:21: Stefan: Er habe seine Chancen gehabt, sagte er, und sie nicht genutzt. Eric hingegen schon. Und dann dieser Satz: Das Finale habe dieses Spiel verändert. Vorher sei das Publikum still gewesen und an diesem Abend sangen die Hallen zum ersten Mal die Namen der Spieler: Eric Bristow und Bobby George. Es bleibt nicht bei dem einen Titel. Insgesamt fünfmal wird Bristow Weltmeister, 1980 und 81 und dann 1984, 85 und 86. Drei am Stück. Drei BDO-Titel in Folge. Das schaffte nach ihm jahrzehntelang kein einziger. Bis irgendwann Glen Durrant, ein Büroangestellter aus Middlesbrough kam und es wiederholte. Aber darüber erfährst du mehr in Folge zwei.
00:07:08: Stefan: Und das ist noch nicht alles. Fünfmal gewinnt Eric auch das World Masters, eines der ältesten großen Turniere überhaupt. Den ersten World Masters Sieg mit 20 Jahren und bis heute hat es keiner öfter geschafft. Viermal den WDF World Cup im Einzel, dazu zweimal die News of the World Championship. Ein Turnier, vor dem die harten Jungs Respekt hatten.
00:07:32: Stefan: Kein Wochenende mit Bedenkzeit, keine zweite Chance im Nachsetzen, sondern ein einziger Tag, an dem du dich durch ein ganzes Feld schlagen musst. Match um Match ohne Pause. Alles im Modus Best of Three Single KO. Wer da müde wurde, der flog raus. Von 1980 bis 1987 steht Bristow fast durchgehend auf Platz eins der Welt. Das ist keine Erfolgsserie mehr. Das ist fast ein Jahrzehnt, in dem die Antwort auf die Frage, wer gewinnt, meistens schon vor dem ersten Dart feststand. Wie gut er wirklich war, sagt am besten einer, der oft genug gegen ihn verloren hatte. John Lowe, dreifacher Weltmeister, hat offen zugegeben, er hätte deutlich mehr Titel geholt, wenn es Bristow nicht gegeben hätte. So etwas muss man erst mal über den Mann sagen können, der einem das halbe Leben im Weg stand. Aber der Beste zu sein, war Bristow nicht genug. Er wollte eine Figur sein, eine Marke, als es im Darts noch gar keine Marken gab. Der Start für diese Marke fängt in Kalifornien an. 1976 ist Bristow in Santa Monica und da steht ein englischer Pub namens The Crafty Cockney. Er kriegt dort ein T-Shirt geschenkt mit einem britischen Bobby und einem Union Jack drauf. Darüber der Name des Pubs, The Crafty Cockney. So entstand sein Spitzname.
00:08:50: Stefan: Kurz mal 'ne kleine Erklärung dazu: Ein Cockney ist ein Londoner aus dem East End, dem Arbeiterviertel der Stadt. Ganz streng genommen, nur wer in Hörweite der Glocken von der Saint Mary-le-Bow geboren ist. Die Cockneys haben ihren eigenen Slang und gelten als schlagfertig und ein bisschen frech. Crafty heißt so was wie gerissen, also der gerissene Junge aus dem East End. Für Bristow passt das wie die Faust aufs Auge.
00:09:18: Stefan: Er zieht dieses Shirt an und danach zieht er es zu jedem Turnier an. Der Name bleibt kleben. Ein Junge aus Hackney, benannt nach einer Kneipe in Kalifornien, die einen Londoner Typen verkaufte, den es so längst nicht mehr gab. Er hat nie versucht, das aufzuklären. Wozu auch? Und das Bild wird gepflegt. Bristow ist laut. Bristow stichelt. Er streckt den kleinen Finger ab, wenn er wirft und grinst dabei ins Publikum. Über das Trinken sagt er ganz ungeniert, er trinke gern. An einem Abend seien es zehn, zwölf Pints. Aber nicht mehr. Sonst sähe man das Board nicht mehr. Da ist beides drin. Der trinkfeste Pub-Held, den alle sehen sollen und darunter eiskalt einer, der angeblich seine Grenzen auf den Schluck genau kennt. Trinken gehörte zum Darts dieser Jahre dazu. Rauchen auf der Bühne während des Spiels und das Bier auf den Tischen ebenfalls. Das war die Zeit, nicht der Mann allein. Der Kommentator Sid Waddell hat über ihn den Satz gesagt, den sie heute noch zitieren: „Als Alexander von Mazedonien 33 war, habe er geweint, weil es keine Welten mehr zu erobern gab. Eric Bristow sei erst 27." So redet man über diesen Mann, nicht wie über einen Sportler. 1989 bekommt er den MBE, einen Orden der Königin für seine Verdienste im Sport. Dazu gibt es eine Geschichte, die man sich erzählt. Sauber belegen lässt sie sich aber nicht. Beim Rausgehen im Buckingham Palace dreht Bristow der Königin aus Versehen den Rücken zu. Das macht man laut Etikette nicht. Er merkt es, dreht sich noch einmal um und sagt: „Tschuldigung, Süße." Die Queen soll gelacht haben.
00:10:59: Stefan: Ganz oben auf dem Höhepunkt von allem trifft dieser Mann eine Entscheidung, die ihn am Ende den Thron kostet. Freiwillig, bei klarem Verstand und bezahlt aus der eigenen Tasche. Aber dazu gleich mehr.
00:11:18: Stefan: Stoke-on-Trent, die Potteries, die Gegend, aus der Englands Keramik kam und in der jetzt eine Fabrik nach der anderen dichtmacht. Bristow betreibt hier einen Pub. Er hat ihn nach sich selbst benannt, Crafty Cockney. Ein Weltmeister aus London, der ausgerechnet in einer sterbenden Töpferstadt eine Kneipe aufmacht. Und dort wird für die Hausmannschaft ein Mann, der tagsüber in der Fabrik Griffe an Keramikteile dreht. Ende 20, kein Geld. Er heißt Phil Taylor. Bristow sieht ihn beim County Darts, den Grafschaftssieger von Staffordshire. Und er sieht etwas, das sonst keiner sieht. Keinen fertigen Spieler, sondern Rohmaterial. Er gibt ihm 9.000 Pfund.
00:12:05: Stefan: 9.000 Pfund, damit ein Fabrikarbeiter Flüge nach Amerika, Kanada oder Finnland bezahlen kann. Startgelder, Hotels, damit er spielen kann, statt zu arbeiten. Kein Sponsor, der eine Werbefläche kauft. Der amtierende Weltmeister nimmt sein eigenes Geld und gibt es einem möglichen Konkurrenten. Niemand zwingt ihn. Niemand schaut zu. Zu gewinnen gibt es dabei nichts.
00:12:31: Stefan: Und es wird noch enger. Bristows Lebensgefährtin in diesen Jahren von 1978 bis 87 ist Maureen Flowers. Sie ist nicht nur die Frau an seiner Seite, sie ist zu der Zeit die beste Dartspielerin der Welt, die erste Frau überhaupt, die von diesem Sport leben kann. Und Maureen Flowers wird Phil Taylors erste Managerin. Das Geld kommt von Bristow. Der Anschub kommt aus Bristows eigenem Haus. Der Junge aus der Fabrik wird nicht nur finanziert, er wird vom engsten Kreis des Königs in die Spur gesetzt. Wie war die Beziehung zwischen Eric und Phil? Taylor hat es später einmal erzählt, Eric sei wie ein Bruder für ihn gewesen. Er habe ihn geliebt. Ohne ihn, sagt er, wäre er nie dahin gekommen, wo er später stand. Er hatte ja nichts.
00:13:19: Stefan: Aber so richtig warm war das nie. Taylor erinnert sich an eine Szene, die alles über die beiden sagt. Und es ist Taylors Erinnerung, nicht Bristows dokumentierter Satz. Taylor ruft an, er ist im Halbfinale rausgeflogen und Bristow sagt bloß: „Ruf mich an, wenn du mal was gewinnst“, und legt auf. Kein Trost, kein Rat. Nur: „Mit einem Verlierer rede ich nicht.“ Das hat Taylor wütend gemacht. Und genau das war der Plan. Und es hat funktioniert. 1988 gewinnt Taylor die Canadian Open. Sein erstes großes Preisgeld, rund 4.000 Pfund. Und das Erste, was er damit macht, er gibt Bristow einen Teil zurück. Der Lehrling fängt an, seine Schuld abzubezahlen. In genau dem Jahr, in dem beim Meister die Hand nicht mehr so gut funktioniert.
00:14:13: Stefan: Bristow hat für das, was er da getan hat, selbst ein Wort gefunden, das irgendwie auch hängen bleibt. In seiner Autobiografie schreibt er, er habe aus Taylor ein Monster gemacht. [Musik] 1986 wird Bristow zum fünften Mal Weltmeister. Der dritte Titel in Folge. Er ist 29 und es gibt keinen Grund auf der Welt zu glauben, dass das je aufhört.
00:14:40: Stefan: Aber jetzt sind wir wieder am Anfang.
00:14:42: Stefan: Im November desselben Jahres steht er in Schweden am Oche und bekommt seinen Dart nicht aus der Hand. Dieses Phänomen hat einen Namen: Dartitis. Wer die Folge über Glen Durrant gehört hat, kennt das Wort schon. Bei Glen kam es spät, mitten aus dem größten Triumph seines Lebens. Bei Bristow kommt es früher, mitten in seiner Zeit der Herrschaft.
00:15:06: Stefan: Und das ist das Perfide daran. Es ist nichts kaputt. Kein Muskel gerissen, kein Nerv eingeklemmt. Es gibt nichts zu röntgen und nichts zu operieren. Der Fehler sitzt genau in dem einzigen winzigen Augenblick zwischen jetzt werfen und dem Werfen. Das Loslassen ist eine Bewegung beim Darts, über die du niemals nachdenken darfst. Die muss von ganz allein kommen. In der Sekunde, in der dein Kopf anfängt, sie zu steuern, ist sie kaputt. Und bei Bristow fängt der Kopf an zu steuern. Er hat beschrieben, wie es sich anfühlt. Das Gehirn schreie: „Lass das verdammte Ding endlich los“, aber der Arm rührte sich nicht. Es sei ihm sehr peinlich gewesen. Peinlich. Nicht schmerzhaft, nicht tragisch, sondern peinlich. Das ist das Wort, das ein Mann wählt, dem sein Leben lang nie etwas peinlich war. Bei den Jahreszahlen gibt es eine kleine Unschärfe, die sich leicht auflöst. Zum ersten Mal passiert es bei den Swedish Open im November 1986. Bristow selbst hat den Anfang der Dartitis später oft auf 1987 gelegt, weil es stimmt. Angefangen hat es damals ganz leicht 1986. So richtig begriffen hat er es dann, als es ihn ein Jahr darauf öffentlich einholte.
00:16:27: Stefan: Das Grausame war nicht, dass die Dartitis ihn sofort erledigt hätte. Das Grausame war, dass er oben blieb. Nur eben nicht mehr ganz oben. Im Jahr 1989, BDO-WM-Finale. Ihm gegenüber Jocky Wilson, der zahnlose Schotte aus Kirkcaldy, die Hauptfigur der ersten Folge dieses Podcasts.
00:16:50: Stefan: Zwischen den beiden lag eine echte Abneigung und das war auch keine Show. Der laute Engländer und der mürrische Schotte, das älteste Duell der Insel. Jahre zuvor hatte Wilson ihm vor einem Länderspiel beim World Cup gegen das Schienbein getreten. Offizielle mussten die zwei trennen, bevor sie überhaupt gegeneinander spielen konnten. Jocky zieht auf fünf zu null davon. Fünf zu null in Sätzen, das ist keine Führung mehr, das ist schon fast vorbei. Und dann kommt Bristow zurück. Satz um Satz. Fünf zu eins, fünf zu zwei, fünf zu drei, fünf zu vier. Vier Sätze am Stück gegen den Mann, der ihn eben noch abgeräumt hat. Die Halle spürt, dass es hier kippt. Bristow ist einen Satz vom Ausgleich entfernt. Diesen einen Satz holt er nicht mehr. Er kommt heran, steht da, hat die Chancen und mit dieser Hand kriegt er den Sack nicht zu. Jocky macht den letzten Satz und gewinnt sechs zu vier. Wie genau Jocky diesen Abend über die Ziellinie gebracht hat, das ist die Geschichte der ersten Folge. Hier erzähle ich die andere Seite. Der König kam bis auf einen Schritt heran und schaffte den letzten aber nicht. Ein Jahr später, dieselbe Bühne, BDO-WM-Finale 1990. Auf der anderen Seite steht jetzt Phil Taylor.
00:18:12: Stefan: Und du musst dir einmal klarmachen, wer Taylor an diesem Abend ist. Er ist ein Niemand. Seine allererste Weltmeisterschaft. Er ist 29 Jahre alt. Vor Kurzem war er noch in der Fabrik. Die Buchmacher führten ihn mit einer Quote von 125:1. So tief setzt man nur jemanden, dem wirklich keiner etwas zutraut. Und es wird auch kein Krimi. Es wird eine Demontage. Taylor gewinnt sechs zu eins. Das Geld für die Flüge, die Startgelder, die Managerin aus dem eigenen Haus, der Anruf, bei dem er aufgelegt hat, wenn der Junge verlor. Alles, was Bristow in diesen Mann gesteckt hat, steht an diesem Abend auf der anderen Seite des Boards und schlägt ihn. Es ist Taylors erster WM-Titel. Es sollten insgesamt 16 werden. 1991 steht Bristow noch einmal im Finale gegen Dennis Priestley. Null zu sechs. Kein einziger Satz. Dreimal in Folge einer der zwei besten Spieler der Welt. Dreimal verloren. Zwischendurch kämpfte er sich sogar noch einmal auf Platz eins in der Weltrangliste mit einer Hand, die nicht mehr verlässlich funktioniert. Einen WM-Titel gewinnt er nie wieder.
00:19:29: Stefan: Das klingt jetzt nach dem langen Abstieg eines Königs, dem die Hand nicht mehr gehorcht. War es aber nicht. 1993 macht Bristow das Zweitwichtigste seines Lebens. Das Fernsehen hat sich da schon wieder vom Darts abgewendet. Der Boom der 80er ist vorbei. Die Übertragungen sind weg, die Preisgelder schrumpfen. Der Sport, den Bristows Generation groß gemacht hatte, ist drauf und dran, zurück ins Hinterzimmer zu verschwinden. 16 Spieler ziehen daraus den Schluss und brechen mit dem Verband. Sie gründen einen eigenen. Aus dieser Abspaltung wird die PDC, die Organisation, die aus dem Kneipenspiel das Spektakel gemacht hat, das heute im Alexandra Palace läuft, mit ausverkauften Hallen und Fernsehgeldern, von denen 1993 keiner zu träumen gewagt hätte. Bristow ist einer der 16. Der alte Verband sperrt ihn dafür und streicht ihn aus der Weltrangliste. Fünffacher Weltmeister, mit einem Federstrich aus der eigenen Geschichte gestrichen. Er hat den Sport zweimal gebaut. Einmal, indem er ihn ins Fernsehen brachte und einmal, indem er ihn aus dem Verband herausriss, der ihn hatte sterben lassen. 1997 steht er noch einmal im Halbfinale, jetzt bei der PDC WM. Er verliert gegen Phil Taylor. Natürlich. Über sein Erbe hat er einen Satz gesagt, der ihn komplett enthält. Er hoffe, er habe den Darts etwas zurückgegeben, denn der Sport sei großartig zu ihm gewesen und er habe ihn ein bisschen populärer gemacht, als er ihn vorfand. Und wem das nicht passe, der könne ihn mal. Danach wird er Kommentator bei Sky. Der Mann, der den Sport groß gemacht hat, redet jetzt darüber. 2012 geht er ins britische Dschungelcamp und holt sich eine ganz neue Fangemeinde. Leute, die ihn nie hatten spielen sehen und den alten Mann mit der großen Klappe trotzdem sofort mochten. Seine Härte war dabei nie Privatsache. Sie war seine Auffassung davon, was dieser Sport sein soll. Dieses ganze Umarmen und Küssen auf der Bühne heute, hat er mal gesagt, beim Fußball, wenn einer ein Tor schießt, meinetwegen, aber nicht beim Darts. Du spielst, um den anderen zu schlagen. Mit genau dieser Haltung hatte er auch Taylor geformt.
00:21:54: Stefan: Im November 2016 macht Eric Bristow dann das, was er immer gemacht hat. Er sagte, was er denkt.
00:22:02: Stefan: England redet in diesen Tagen über hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch im Jugendfußball. Männer, die als Kinder von ihren Trainern missbraucht wurden, gehen nach Jahrzehnten an die Öffentlichkeit. Bristow schreibt auf Twitter, das seien Waschlappen. Echte Männer wären zurückgegangen und hätten sich den Täter selbst vorgeknöpft.
00:22:21: Stefan: In derselben Reihe von Tweets bringt er Homosexualität mit Pädophilie in Verbindung. Einer der ersten, der ihn öffentlich widersprechen wird, ist Steve Walters, ein früherer Profifußballer, einer der Männer, die über ihren eigenen Missbrauch geredet hatten.
00:22:38: Stefan: Sky beendet sofort die Zusammenarbeit noch am selben Abend. 25 Jahre vorbei in ein paar Stunden. Newcastle United lädt ihn von einer Veranstaltung wieder aus. Am nächsten Tag entschuldigt er sich im Fernsehen für das Wort Waschlappen. Er habe nur gewollt, sagt er, dass Kinder früher reden und nicht erst nach 30 Jahren. Die Härte, die ihn zum König gemacht hatte, hat am Ende auf die eingeschlagen, die am wenigsten davon hatten. Am 5. April 2018 ist Eric Bristow in der Echo Arena in Liverpool. Es läuft ein Premier League Abend, das Einladungsturnier der PDC, also der Liga, die es ohne ihn nicht gäbe. Dort bekommt er einen Herzinfarkt und stirbt an demselben Tag, drei Wochen vor seinem 61. Geburtstag.
00:23:28: Stefan: Nicht in einem Krankenzimmer, sondern mitten im Lärm in seinem Sport. Und die ganze Halle hat seinen Namen gesungen.
00:23:37: Stefan: Und dann kommen die Nachrufe und die sind wärmer, als dieser Mann je zugelassen hätte. Barry Hearn, der Chef der PDC, nennt ihn eine Legende des britischen Sports. Wayne Mardle hat gesagt, ohne Eric Bristow hätte er nie einen Dart in die Hand genommen. Und Bobby George, der Rivale aus den 80er Finale, sagte über ihren gemeinsamen Abend, der habe das Spiel für immer verändert. Auch über Jocky Wilson hat Bristow mal in seiner Autobiografie gesagt, Jahre nach dem Tritt gegen sein Schienbein und all den Beleidigungen zwischen den beiden. Tief drin glaubte er, habe Jocky ihn gemocht und er selbst habe eine Schwäche für ihn gehabt. Bleibt Phil Taylor, 16-facher Weltmeister, der erfolgreichste Spieler, den dieser Sport je hatte. Eine Laufbahn, neben der Bristows eigene Herrschaft klein aussieht. Der Junge aus der Fabrik, den Bristow finanziert hat, hart gemacht und dann verloren hat. Taylor hat nach Bristows Tod zwei Sätze gesagt. Der erste, ganz einfach: Er verdanke ihm alles. Und der zweite: Selbst wenn er heute ganz normal durch seinen Alltag gehe, höre er Eric noch in seinem Kopf reden. „Ruf mich an, wenn du mal was gewinnst“, hatte Bristow gesagt und aufgelegt.
00:24:57: Stefan: Taylor hat danach 16 Mal gewonnen. Und der Mann, der auflegte, wenn man verlor, ist nie wieder aus seinem Kopf verschwunden.
00:25:08: Stefan: Die Dartitis hat Bristow nie wieder ganz losgelassen. Er hat weitergespielt, aber der Eric von früher, der kam nicht mehr zurück. Und trotzdem hat er dem Darts noch etwas hinterlassen, das größer war als jeder seiner fünf WM-Titel. Phil Taylor, der größte Spieler aller Zeiten, 16-facher Weltmeister, angeschoben von dem Mann, der vor ihm der Größte war.
00:25:35: Stefan: Eric Bristow war laut, arrogant, oft unbequem und manchmal auch einfach daneben. Aber ohne ihn hätte dieser Sport anders ausgesehen. Er hat Darts aus den Hinterzimmern der Pubs auf die großen Bühnen geholt. Mit Show, mit Sprüchen
00:25:54: Stefan: und mit einer Hand, die eine Zeit lang einfach nicht daneben geworfen hat.
00:25:58: Stefan: The Crafty Cockney, ein Junge aus dem East End, der nie um Mitleid gebeten hat
00:26:05: Stefan: und der auch keins gebraucht hat.
00:26:12: Stefan: Das war's für heute mit der Folge von Eric Bristow. Und ich bedanke mich natürlich wieder, dass ihr zugehört habt. Wenn euch die Folge gefallen hat, lasst mir gern fünf Sterne hier, 'n Follow, ähm, wo ihr grade hört. Das hilft dem Podcast mehr, als ihr denkt.
00:26:28: Stefan: Und ja, wenn ihr Fragen habt oder mal Wünsche habt, ähm, wer in der nächsten Folge drankommen soll oder über wen ich mal eine Folge machen soll, dann schreibt's gern mal in die Kommentare oder meldet euch bei mir auf Instagram, auf meinem Kanal „Das Leben ist eine Scheibe“. Das ist auch noch mal in den Shownotes, ähm, verlinkt und ja, da können wir gern noch weitersprechen über Eric Bristow. Ich weiß, da gibt's, äh, wahrscheinlich noch sehr viel mehr Geschichten über ihn, die man, äh, noch machen kann. Vielleicht gibt's auch mal noch 'ne zweite Folge. Da gibt's wirklich, ähm, sehr viel zu sprechen über Eric. Ich freu mich auf jeden Fall schon aufs nächste Mal und hoffe, ihr seid natürlich wieder dabei. Und bis dahin, good darts. [Outro spielt]
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